Stillen ist kein Dorfgespräch

Beim Thema Stillen verzichten Mütter gern auf die Meinungen der Gemeinschaft. Foto: Sean Roy (unsplash.com)

 

Es war wieder mal Weltstillwoche. Ja, das gibts. Und sie hatte sogar einen Slogan. Er lautete: «Stillen geht uns alle an.» Die Stillförderung Schweiz schreibt auf ihrer Homepage, der Slogan orientiere sich an der Redewendung «Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind grosszuziehen». Man wolle damit die friedliche und integrative Gesellschaft in Bezug auf das Stillen stärken. Es gelte, faire Gesetze zu schaffen und politische Herausforderungen zu meistern. Klingt richtig und wichtig – und trotzdem, dieser Slogan erwischt mich auf dem falschen Fuss.

Denn «Stillen geht uns alle an» klingt in meinen Ohren mehr nach Einmischung und Bevormundung als nach Unterstützung durch die Gemeinschaft. Der moralische Druck, der auf stillenden Müttern in der Schweiz lastet, ist ohnehin schon gross. Ob im Büro, im Restaurant oder auf dem Spielplatz – es gibt überall «Dorfbewohner», die stillende Mütter massregeln oder ihnen ihre Meinung aufdrängen: Ein Kind mehr als zwei Jahre zu stillen, finden sie pervers. Das Neugeborene nur ein paar Wochen zu stillen, ist dann aber doch zu egoistisch, und stillt die Mutter gar nicht, hat sie wohl eine Bindungsstörung (Taschenpsychologen gibt es einige im Mütter-Bewertungs-Dorf Schweiz). Sogar wenn die Mutter der «Norm» entspricht und vier bis sechs Monate voll stillt, kommt der Angriff ganz bestimmt: Stillen in der Öffentlichkeit ist immer noch verpönt, tut sie es trotzdem, dann bitte wenigstens diskret, versteckt und bedeckt. Nein, um meinem Kind die Brust zu geben, brauche ich dieses Dorf nicht!

Einmischgesellschaft Schweiz

Zumal das Stillen lange nicht das Einzige ist, wofür wir Mütter uns in der Schweiz rechtfertigen müssen: Ich muss mich für meine beiden Kaiserschnitte auch Jahre danach noch regelmässig erklären und bekomme dann gleich eine passende Diagnose («vielleicht spricht dein Kind deshalb noch nicht»). Ich muss mich rechtfertigen, wenn ich arbeite («gehts dem Kind denn wirklich gut in der Kita?») oder mein Mann daheim beim Kind bleibt («ist er denn nicht gelangweilt?»). Ja sogar für den Nuggi brauche ich gute Argumente («hui, die Zähne …»). Stehe ich für meine Meinung ein, 16 Wochen Mutterschaftsurlaub seien zu kurz (und Mütter würden auch deshalb oft nur kurz stillen) oder es brauche einen Vaterschaftsurlaub (auch dann wären Mütter zu Hause entlastet und würden vielleicht länger stillen), ernte ich in der Schweiz ein mitleidiges Lächeln und die Frage, wer das denn alles bezahlen solle.

Frauen sind ihr eigener Herr

Frauen wollen und sollen selbstbestimmt leben und ohne moralischen Zeigefinger eines ganzen Dorfes entscheiden, ob und wie lange sie stillen. Er ist gut gemeint, dieser Slogan, ich weiss. Vermutlich zielt er sogar genau auf diese Problematik ab, doch mich hat er aufgeschreckt. Dem Dorf Schweiz traue ich nämlich zu, diesen als Mütter-Diktat zu missbrauchen: «Stillen geht uns alle an» würde so schnell zu «Kaiserschnitt geht uns alle an» oder «Abtreibung geht uns alle an», «Frauen, die arbeiten, gehen uns alle an».

Nein, danke, da bleibe ich lieber bei «Stillen geht nur mich was an» und pfeife auf das Dorf. Schliesslich bin ich eh ein Stadtmensch.