Gratis-Kitas und zwei Jahre Elternurlaub!

Für «Eigenverantwortung» und eine «starke Wirtschaft» – echt jetzt? FDP-Bundesratskandidatin Isabelle Moret nach dem Hearing mit der CVP-Fraktion. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

In Deutschland ist Wahlkampf. Dabei überbieten sich die Parteien gegenwärtig mit Versprechungen, wie toll sie sich künftig um ihre Bürgerinnen und Bürger kümmern würden. Auch Familien stehen im Fokus der Parteien, die sich beinahe überbieten mit der Frage, wer künftig Mütter und Väter am besten entlasten könnte.

Ich staune ob der Vorhaben, über die in der Schweiz praktisch gar nicht geredet werden: Fast alle Parteien in Deutschland sind für die Abschaffung der Kita-Gebühren: Kitas sollen also, ginge es nach SPD, der Linkspartei und AfD, gratis sein. Die Grünen plädieren dafür, dass zuerst die Qualität der Kitas verbessert und auch den Erzieherinnen ein besserer Lohn bezahlt werden sollte.

Weiter wird in Deutschland über die Verlängerung der sogenannten Elternzeit (in Deutschland bekommen Mütter während 14 Monate Elterngeld, danach haben sie die Möglichkeit, der Erwerbsarbeit fernzubleiben, bis das Kind drei Jahre alt ist) debattiert. Die Grünen fordern, dass die Elternzeit auf 24 Monate ausgedehnt werden sollte, wovon der Partner acht Monate übernehmen müsste. Die Linke will, dass sowohl die Mutter als auch der Vater zwölf Monate bezahlten Elternurlaub erhalten.

In Deutschland wird also darüber diskutiert, dass Kitas gratis sein sollten und der Elternurlaub, der bereits heute mindestens 14 Monate umfasst, noch mehr ausgebaut werden sollte.

Eine Schande für die Schweiz

Mit einem etwas flauen Gefühl im Magen schaue ich auf unsere hiesigen Verhältnisse. Zwar ist gerade kein Wahlkampf in der Schweiz, trotzdem wird mir beinahe schwindlig, wenn ich uns mit Deutschland vergleiche: Die Schweiz bietet frischgebackenen Müttern eine Mutterschaftsversicherung von gerade einmal 14 Wochen an – die mickrigste aller Lösungen im Vergleich mit allen westeuropäischen Industriestaaten. Ist das für eines der reichsten Länder der Welt nicht – sagen wir es einmal so – eine Schande?

Wir wissen doch alle: 14 Wochen Mutterschaftsurlaub sind sowohl für Mütter wie auch ihre Babys eine unzumutbar kurze Zeit. Ich kenne keine Frau, der es leichtgefallen ist, ihren drei Monate alten Säugling in die Krippe zu bringen, und dann wieder im Büro zu erscheinen und so zu tun, als ob nichts passiert sei.

Warum bloss spricht niemand darüber?

Kommt hinzu, dass wir schmerzhaft hohe Kita-Beiträge bezahlen, um unsere Kinder betreuen zu lassen, sodass vom Salär kaum noch etwas übrig bleibt. Weshalb reden wir in der Schweiz eigentlich nicht über Gratis-Kitas? Weshalb ist die karge Bezahlung unserer Kita-Angestellten kein politisches Thema? Wofür arbeiten wir eigentlich, wenn das Geld nicht dorthin fliesst, wo es hingehen müsste?

Mutter Morets «starke Wirtschaft»

Gucke ich, was in unserem Parlament besprochen wird, wird mir nochmals ganz anders. Sie trete für «Eigenverantwortung» und eine «starke Wirtschaft» ein, gab die FDP-Bundesratskandidatin Isabelle Moret kürzlich zu Protokoll. Seither hat sich meine Hoffnung in die zweifache Mutter als potenzielle Bundesrätin in Luft aufgelöst. Sowohl «Eigenverantwortung» und eine «starke Wirtschaft» bringen keine Verbesserung für erwerbsabhängige Mütter und Väter. Eine «starke Wirtschaft» heisst im Klartext, dass Unternehmen und Konzerne (noch) weniger Steuern zahlen müssen und Arbeitsbedingungen für Angestellte noch rigider ausgelegt werden. Es geht vor allem darum, dass wir – Frauen wie Männer – immer mehr und immer länger (am liebsten bis 67 Jahre) arbeiten sollten. Als ob die Krönung unseres Leben aus Arbeit besteht.

Tut es das tatsächlich?

Der deutsche Wahlkampf jedenfalls zeigt, dass auch in der Schweiz viel mehr drin liegen würde, als uns Müttern zugestanden wird. Der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten, Barack Obama, hat einmal gesagt: «Man kann den Erfolg einer Gesellschaft daran messen, wie sie ihre Frauen behandelt.» Um es positiv zu formulieren: Die Schweiz ist noch sehr ausbaufähig, was familienfreundliche Strukturen anbelangt.