Papa ist ein Umweltsünder

Liebe Leserinnen und Leser, für diese Aktion liessen wir uns gern einspannen: Der heutige Beitrag von Nils Pickert ist Teil der WWF-Blogparade. Neun Autorinnen und Autoren schreiben, was Umweltschutz für sie persönlich bedeutet, und was sie sich für die Zukunft ihrer Kinder wünschen. Infos zur Kampagne finden Sie unter www.wwf.ch/zukunft und dem Hashtag #forgenerationstocome. Die Redaktion.

Kinder zu haben, ist der Umwelt leider nicht sehr zuträglich. Foto: Dmian Bakarcic (Flickr.com)

Ich bin ein vielfacher Umweltsünder. Zu den schlimmsten Dingen, die ich meinem Heimatplaneten zumute, zählen nicht etwa die riesige Lügen-Diesel-Kiste, die ich zwecks Familientransport fahre, oder die gelegentlichen Ferienflüge zu Zielen innerhalb von Europa, sondern meine Kinder. Was das angeht, bin ich ein vierfacher Umweltsünder. Ich vergrössere nämlich nicht nur tagtäglich meinen eigenen ökologischen Fussabdruck, indem ich Rohstoffe verbrauche und CO2 produziere.

Stattdessen legt mein mittlerweile sechsköpfiger Clan gleich mal einen ganzen Trampelpfad an. Und da meine Lebenskomplizin und ich grundsätzlich ziemlich erfreut über unsere beträchtliche Kinderschar sind, ist noch gar nicht abzusehen, welche Folgen das für die Nachwuchsentscheidungen unserer dann irgendwann erwachsenen Rasselbande hat. Womöglich brechen wir eine ganze Schneise. Und das, obwohl wir uns doch ansonsten durchaus Mühe geben.

Aber selbst wenn ich meine vegetarische Ernährung (die ich zwar aus völlig anderen Gründen angefangen habe, aber pssst!) auf den CO2-Ausstoss umlege, spare ich zwar 0,82 Tonnen CO2 pro Jahr ein, bin aber gleichzeitig zeugungstechnisch für 58,6 Tonnen pro Jahr und Kind verantwortlich.

Besser gleich keine Kinder?

Oder um es anders zu formulieren: Ob ich Vater von vier Kindern im Alter von zwölf, zehn, drei und einem Jahr bin oder tausendmal mit einem Flugzeug den Atlantik überquere, kommt mit Blick auf die CO2-Bilanz in etwa auf das Gleiche heraus. Deswegen hat der Philosoph Travis Rieder unlängst ein Buch veröffentlicht, in dem er, zumindest in Industrienationen, bis auf weiteres für die Kleinfamilie als ethisch korrekte Entscheidung plädiert. Und deshalb rät der Club of Rome auch schon seit Jahren nicht nur zu Konsumverzicht und weniger Wachstum, sondern eben auch dazu, finanzielle Anreize dafür zu schaffen, kinderlos zu bleiben oder sich für maximal ein Kind zu entscheiden.

Vermutlich sind das vernünftige, ziemlich alternativlose Vorschläge, wenn wir es wirklich ernst meinen mit dem Vorhaben, unseren Heimatplaneten nicht weiterhin mit voller Kraft in die Katastrophe zu steuern. Aber es fühlt sich doch ziemlich anders an. Zugegeben, ich mag aufgrund meiner frei gewählten Vermehrungsbilanz nicht gerade der glaubwürdigste Kritiker dieser Lösungsansätze sein, aber ich frage mich schon, wie zukünftige Gespräche mit meinen hoffentlich irgendwann umweltbewussten Kindern ablaufen werden.

«Mensch, Papa, war es wirklich nötig, so viele Kinder zu zeugen?» – «Ach, meinst du Kinder wie dich? Merkste selber, ne?!»

Und das ist nur die persönliche Ebene. Mit dem Geobiologen Reinhold Leinfelder und anderen komme ich nicht umhin, mich zu fragen, ob mit einer solchen Argumentation nicht einfach alle anderen Bemühungen zum Schutz der Umwelt obsolet geschrieben werden sollen.

Prämien für Abtreibungen

Überbevölkerung kritik- und zusammenhangslos als Hauptgrund für den Klimawandel zu identifizieren, klingt zu sehr nach Aufgabe. Nach Maximalforderung, unterhalb derer wir alles andere erst gar nicht zu versuchen brauchen, weil es ja sowieso kaum etwas bringt. Nach «Na dann halt nicht». Darüber hinaus sind die soziokulturellen und ökonomischen Folgen gar nicht absehbar. So entsetzlich und irreversibel unsere gegenwärtige Lage angesichts Klimakatastrophe und Umweltzerstörung zweifellos ist, so dystopisch würde sie zusätzlich geraten, wenn man dieses Gedankenspiel zu Ende denkt. China muss sich gerade den Konsequenzen einer verordneten Ein-Kind-Politik stellen.

Und was käme als Nächstes? Prämien für Abtreibungen? Suizidwerbung für ökologisch korrekte Menschen? Die Kopplung der notwendigen Forderung nach Umweltschutz und Umwelterhaltung an das nackte Leben statt an die Art und Weise der Lebensführung scheint mir der falsche Weg zu sein.

Also ja: Ich bin ein Umweltsünder. Nicht zuletzt, weil ich so viele Kinder in die Welt gesetzt habe. Aber das sollte mich nicht davon abhalten, mein Menschenmöglichstes zu tun, um meinen ökologischen Fussabdruck so klein wie möglich zu halten.

Ausserdem bleibt tausendmal den Atlantik zu überqueren trotzdem die um so viel beschissenere Idee.

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Dieser Beitrag bildet den Schluss der WWF-Blogparade. Wer die anderen acht Texte zum Thema lesen will, geht zurück zum Start zu Andrea Jansen von anyworkingmom.