Best of: Darum ist freies Spiel so wichtig

Es sind Sommerferien, auch für unsere Autorinnen und Autoren. Deshalb publizieren wir während zweier Wochen einige Beiträge, die besonders viel zu reden gaben. Dieses Posting erschien erstmals am 3. April 2017.

Holz statt Tablet: Leider bleibt Kindern immer weniger Zeit, selbstbestimmt zu spielen. (Bild: Getty Images)

Für Kinder, die heute aufwachsen, ist freies Spiel wichtiger denn je. Niemand von uns weiss, wie die Welt in zwanzig, dreissig Jahren aussehen wird. Mit grosser Wahrscheinlichkeit wird das Leben noch anspruchsvoller sein, als es heute schon ist. Doch sicher ist: Menschen, die als Kind genug Raum, Zeit und Anregungen für freies, vielfältiges Spiel hatten, bringen bessere Voraussetzungen mit, um mit anspruchsvollen Situationen umgehen zu können. Es wird ihnen leichter fallen, innovativ zu sein und eigene Interessen zu entwickeln.

Statt das freie Spiel anzuregen und zu unterstützen, geschieht jedoch leider genau das Gegenteil. Beobachtungen und Forschungsergebnisse belegen, dass Kinder sowohl daheim wie auch im Kindergarten und in der Schule immer weniger Zeit und Angebote haben, um frei zu spielen.

Dieses Phänomen hat verschiedene Ursachen. Vereinfacht und etwas zugespitzt formuliert: In Familien, die es sich leisten können, sind die Kinder mit Ballett, Frühenglisch und ähnlichen Aktivitäten verplant. Die Eltern meinen es gut und möchten die Kinder fördern. In anderen Familien dagegen verbringen die Kinder oft einen Grossteil ihrer freien Zeit mit Medienkonsum.

Spiel ist nicht gleich Spiel

Die kontinuierlich zunehmende Tendenz zu Standardisierungen und Leistungsvergleichen wie Pisa wirkt sich ebenfalls aus. So werden zum Beispiel schon mit Fünfjährigen die Wochentage trainiert, etwas, was sie ein, zwei Jahre später beiläufig selber lernen.

Doch was ist es, was freies Spiel so wertvoll macht?

Ein Beispiel:
Jana, siebenjährig, baut ein Schloss aus grossen Bauklötzen. Beim genaueren Betrachten fällt ihr auf, dass die Fenster fehlen. Nach einigem Ausprobieren ist dieses Problem gelöst. Jetzt überlegt Jana, wie sie ein Dach konstruieren könnte. Plötzlich die Idee: Ein grosser Karton erfüllt den Zweck. Als Nächstes entstehen Möbel aus kleineren farbigen Klötzen. Ermir, sechsjährig, kommt dazu. «Darf ich mitspielen? Ich könnte dann ja ein Prinz sein.» «Mhm», meint Jana, «wir könnten die kleinen Figuren nehmen und ich wäre eine Prinzessin. Der König und die Königin wären nicht da und wir könnten machen, was wir wollten.» «Wir könnten noch einen Garten machen mit einem See und einem grossen Glacestand», meint Ermir…

Lucca, sechsjährig, sitzt vor seiner Spielkonsole. Mit dem Touchpen «malt» er eine Zoo-Szene aus: Krokodile grün, Elefanten grau, Kinder mit farbigen Pullovern. Ist das Bild «ausgemalt», wählt er ein nächstes. Sein älterer Bruder kommt dazu. Er schlägt Lucca vor, mit ihm Autorennen zu spielen und setzt sich neben ihn vor die Konsole…

Verlorenes Vertrauen oder Angst vor Kontrollverlust?

Beim Vergleich dieser beiden Spielsituationen wird klar: Spiel ist nicht gleich Spiel. Nur das freie Spielen mit offenen Materialien und Rollen bietet eine fast unbeschränkte Vielfalt an Erfahrungs- und Lernmöglichkeiten. Beim Spiel mit den Bauklötzen bewegt das Kind den ganzen Körper auf vielfältige Weise. Es muss präzise Bewegungen mit den Fingern machen, tastet, erlebt den Raum, begegnet elementaren Gesetzen von Physik und Geometrie, ist kreativ und sucht Lösungen, wenn ein Problem auftritt. Kommt ein anderes Kind dazu, geht es um den Austausch von Ideen und Wünschen, allenfalls auch um die Suche nach Kompromissen. Die Kinder entwickeln das Spiel gemeinsam weiter.

Vor der Konsole bewegt sich das Kind dagegen kaum. Es sitzt eher leicht verkrampft da. Eigene Ideen und Kreativität sind bei Spielen für jüngere Kinder nur in einem eng gesteckten Rahmen gefragt. Es müssen Vorgaben und Regeln eingehalten werden, man bewegt sich im Rahmen des Möglichen. Oft geht es um Konkurrenz.

Vielleicht hat die Verdrängung des freien Spiels, das Zeit braucht, das weder kontrollierbar, noch standardisierbar ist, mit Angst zu tun: Angst vor Kontrollverlust, Angst, das Falsche zu tun. Vor allem aber zeugt dieser Verdrängungsprozess von einem schwindenden Vertrauen in die angeborene Fähigkeit jüngerer Kinder, im freien Spiel lustvoll und selbstbestimmt zu lernen und all das zu erwerben, was im Leben wirklich zählt.