Best of: Trotz Kindern Liebende bleiben

Es sind Sommerferien, auch für unsere Autorinnen und Autoren. Deshalb publizieren wir während zweier Wochen einige Beiträge, die besonders viel zu reden gaben. Dieses Posting erschien erstmals am 6. Februar 2017.

Was erwartet man eigentlich vom Partner? Und was kommuniziert man? Foto: Pedro Ribeiro Simões (flickr.com)

«Wir wünschen uns weniger Konflikte.» Laut dem Familientherapeuten und Bestsellerautor Jesper Juul sprechen fast alle Eltern, die zu ihm in eine Beratung kommen, diesen Wunsch aus. Sie wünschen sich weniger Konflikte mit den Kindern, aber auch weniger Streit mit dem Partner. Viele würden irgendwann versuchen, Konflikten ganz aus dem Weg zu gehen. «Oft bekommen sie dann aber die doppelte Anzahl zurück und verzweifeln noch mehr», sagt Juul.

Ihnen will Juul in seinem neuen Buch «Liebende bleiben. Familie braucht Eltern, die mehr an sich denken» Tipps dazu geben, wie sie mit Uneinigkeiten umgehen oder sich verhalten sollen, wenn sie ihre Paarbeziehung aus den Augen verloren haben. Er schreibt aber nicht nur, wie man Beziehungen retten und Familien stabilisieren kann, sondern widmet sich auch der Frage, wann es besser ist, getrennte Wege zu gehen.

Beispiele aus der Praxis

Juul theoretisiert dabei nicht einfach vor sich hin, sondern lässt erst einmal die Betroffenen zu Wort kommen: Jedes Kapitel startet mit einem oder zwei längeren Gesprächen, in denen Elternpaare ihre Probleme und Sorgen mit dem Therapeuten Juul besprechen. Beim Lesen stellt sich so schon bald der erste Aha-Moment ein: «So gehts uns doch auch», denkt man sich und fühlt sich dabei mal ertappt, mal verstanden.

Obwohl Juul keine revolutionären Ratschläge bereithält, gibt er einem doch immer wieder einen Schubs in die richtige Richtung. Etwa indem er einen daran erinnert, nicht einfach wütend zu sein auf den Partner, der angeblich alles falsch macht, sondern sich selber wieder einmal zu fragen, warum man sich so aufregt, was man eigentlich genau vom Gegenüber will und ob man das auch tatsächlich so kommuniziert.

Wunschbild versus Realität

Denn fehlende Kommunikation und falsche Erwartungen sind zwei der Hauptgründe für innerfamiliäre Konflikte. «Sieht man nicht den Partner, sondern nur das Wunschbild, das man vom anderen hat, dann muss man zwangsläufig enttäuscht werden», so Juul, «denn nur selten wird der andere dem Bild in uns entsprechen.»

Werde die Erwartung nicht erfüllt, gebe man dem anderen die Schuld und es fallen Sätze wie «Immer lässt du mich alles machen.» – Ein Verhalten, zu dem laut Juul gerade Mütter gerne tendieren. «Doch für unsere Erwartungen sind wir selbst verantwortlich», sagt Juul, «wenn ich erwarte, dass meine Frau dies und jenes tun soll, dann muss ich mit ihr reden und sagen: ‹Das erwarte ich.›» Man riskiere dann zwar eine Absage, aber das sei definitiv besser, als seine Beziehung durch unausgesprochene Erwartungen zu vergiften.

Überleben oder leben?

Wann ist die Luft in der Beziehung so vergiftet, dass man darin nicht mehr atmen kann? Wann muss man sich fragen, um es mit Juuls Worten zu sagen, ob man «nur überleben oder auch leben» will? «Familie zu bleiben, ist immer eine emotionale und existenzielle Wahl», schreibt Juul, «manchmal ist am Ende eine Trennung der bessere Weg für die Erwachsenen, um weniger unglücklich zu sein oder glücklich zu werden.»

«Und was ist mit den Kindern!?», mag mancher ausrufen. «Explosive und hässliche Trennungen oder Scheidungen, die aus einem Machtkampf der Eltern bestehen, haben für die betroffenen Kinder traumatische Auswirkungen», gibt Juul zu. Wenn die Eltern aber weiterhin gemeinsam für ihre Kinder da seien und ihre Trauer über die verlorene Familie wahr- und ernst nähmen, dann können die Kleinen mit einer Trennung durchaus umgehen. «Für Kinder ist es wichtig, dass es den Eltern gut geht und diese achtsam sind mit sich selbst», sagt Juul – ganz unabhängig davon, ob sie als Paar zusammenleben oder getrennt sind. Stimmt es bei den Eltern, stimmt es auch bei den Kindern. «Und sie können von den Erwachsenen im besten Fall sogar lernen, dass man an Krisen auch wachsen kann.»

«Liebende bleiben. Familie braucht Eltern, die mehr an sich denken», Jesper Juul, Beltz Verlag.

14 Kommentare zu «Best of: Trotz Kindern Liebende bleiben»

  • Hans Minder sagt:

    Wer den Zweck aus der Gleichung „Familie+Kinder = (Un-)Glück“ ausklammert, der wird oft verbittert.
    Pflanze ich z.B. im Garten Gemüse, das ich allesamt wegschmeisse, dann wird die tägliche Gartenarbeit zu einer untragbaren Last. Ist das Gemüse jedoch meine lebenserhaltende Ernährung, dann wird die Gartenarbeit zur Bereicherung. Werden meine Kinder zu Gärtnern, dann ist morgen für meine Ernährung gesorgt. Wird meine Beziehung zum Partner zum blühenden Garten, dann erfreue ich mich Alter an dessen Anblick und finde in seinem Innern meine geistige Erfüllung. Harte Arbeit/Unterstützung, Freude/Leiden etc. werden trotz obiger Gleichung nahe beieinander bleiben… jedoch ergeben diese ihren Sinn – ein Umstand, der das Leben um vieles einfacher gestaltet.

  • Trudi sagt:

    kms a pr sie sind ein armer Mensch. Kinder sind das Schönste was Frau und Mann haben können. Es ist wie alles im Leben wenn man die Liebe nicht aus den Augen verliert trotz vielem andern dann geht es. Wenn Kinder dann Erwachsene sind und man mit ihnen reden und Ferien und Freizeit ab und zu verbringen kann ist es ein Geschenk sie zu haben. Sie hören ja auch nicht auf der Welt wenn ihre Eltern so wie sie gedacht hätten.

    • kms a pr sagt:

      ja man kann sich das durchaus einreden, frau trudi. wobei ich ja nicht sage, dass man die kinder nicht machen und lieben soll. im gegenteil. nur sollte man vorher gelebt haben und nachher erneut leben. weil eben – dazwischen ist der saug-effekt – im volksmund auch vakuum genannt.

    • Georg sagt:

      Reden Sie gefälligst für sich, Frau Trudi, und nicht für „Mann und Frau“. Es gibt Leute, die finden Kinder i.d.R. grässlich und andere lassen sich noch so gerne von kleinen Terroristen vernichten. Und dazwischen gibt es alles.

      • lenalina sagt:

        Ich frage mich, wieso Menschen wie Georg und kms a pr auf die Idee kommen, den Mamablog zu lesen, wenn sie Kinder und Familie so schlimm finden. Um gehässige und negative Kommentare abgeben zu können? Seltsam..

      • Theresa sagt:

        Nanu, und wo auf der Skala stehen Sie? Etwas verbittert, Ihr Kommentar, finden Sie nicht?

      • Pascal sagt:

        Na Georg, schlechte Erfahrungen gemacht?

    • Theresa sagt:

      Hmm, ist für Sie das Leben wirklich so einfach gestrickt, Frau Trudi?

  • kms a pr sagt:

    neinnein. kinder sind beziehungs-verhinderer. man muss sich vor- und -nach den kindern lieben. dazwischen ist es arbeit-arbeit-arbeit. sich kindern hinzugeben kommt dem „vampir-syndrom“ gleich – man wird ausgesaugt. entweder man hat kinder, oder man lebt.

    • Jeanne sagt:

      Na ja,schon übertrieben!
      Natürlich sind Kinder anstrengend,manche mehr und andere weniger.
      Heutzutage sind Eltern einfach zu alt.Wenn man jung Kinder hat geht alles viel lockerer,die Beziehung leidet demzufolge weniger.

      • kms a pr sagt:

        …dafür die kinder umso mehr…

      • Jeanne sagt:

        @kms a pr
        Wieso sollen Kinder dann leiden?Meine erste Tochter habe ich mit 27 bekommen,den Sohn mit 38.Ich rede nicht von Teenie-Müttern.Aber wenn man fast schon 40 ist,hat man viel weniger Energie….

    • Lichtblau sagt:

      Jeanne: Wir haben unseres mit rund 35 bekommen. Trotz Jahrgang gehörten wir immer zu den – von den Kindern so bezeichneten – coolen Eltern, während dies bei jüngeren oft ganz anders aussah. Die neue Bünzligkeit, inkl. Überbehütung, verorte ich eher bei den jüngeren Eltern. Die easy Trennungsbereitschaft übrigens auch.
      Ach ja: meine ca. 25-jährige, eigentlich konfliktfreie, Zimmergenossin im Entbindungsspital lag fünf Tage grämlich mit Gummistrümpfen im Bett, während Mütter meines Alters bereits zwei Stunden nach der Geburt draussen mit dem Besuch das freudige Ereignis feierten. Feierten? Genau.

Kommentar

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