Wie viel Nacktheit darf sein?

Wie viel Unschuld darf sein? Ein Mädchen vergnügt sich im Wasserspiel auf dem Bundesplatz in Bern. Foto: Edi Engeler (Keystone)

«Wie süss», dachte ich, als ich mit dem Velo an einem etwa zweijährigen Kind vorbeifuhr, welches nackt im Wasser planschte. In einem Park hatten sich ein paar Familien mit Kleinkindern neben einem riesigen Brunnen ausgebreitet, und drei Kinder spritzten darin vergnügt herum.

Eine Szene vor ein paar Tagen, wie sie in der Stadt derzeit öfter zu beobachten ist – vom nackten Kind mal abgesehen. Denn kleine Kinder ganz ohne Windeln oder Badehöschen tummeln sich kaum mehr in der Öffentlichkeit: In vielen Freibädern gilt Höschenpflicht schon für die Allerkleinsten. Und an Seeufern, in Parkanlagen und an Stränden achten die meisten Eltern peinlich genau darauf, dass ihre Kinder mindestens eine Windel oder eine Unterhose tragen.

Jedes Smartphone ist eine Gefahr

Zu riskant scheint es, die Kinder jenseits von Scham und gesellschaftlichen Zwängen nackt herumtollen zu lassen. Zu gross ist die Furcht vieler Eltern, ihr kleiner Nackedei würde von einem Fremden, gar einem Pädophilen, unbemerkt fotografiert und die betreffenden Bilder landeten im Netz. In Zeiten von Handykameras stellt jeder Smartphone-Besitzer eine potenzielle Gefahr dar. Mütter und Väter versuchen deshalb ihre Kleinsten zu schützen, indem sie nur im Privaten Nacktheit erlauben – oder wenn sie glauben, in der Öffentlichkeit mehr oder weniger alleine zu sein.

Von Letzterem ging eine Leserin aus, als sie mit einer Freundin und deren Kindern am Ufer des Zürichsees die Wärme und das Wasser genoss. Die Kleinen, 3- und 1,5-jährig, spielten «blutt, frei und fröhlich». Bis in ihrer Nähe ein Mann auftauchte, «der im Abstand von 20, 30 Metern still und schmunzelnd fotografierte»: die Bäume und immer wieder auch ihre Schützlinge. Die Leserin beschrieb in ihrem E-Mail, wie sehr dieses Verhalten sie und ihre Freundin verunsicherte. Hektisch hätten sie den Kindern die Kleider übergezogen, «doch die Idylle war dahin». Das sei vor vier Wochen geschehen, und das Gefühl einer Hilf- und auch Ratlosigkeit sei geblieben. Seither frage sie sich: «Wie reagiert man auf Pädophilie am See?»

Eine gute Frage, die ich an Sie weiterreichen möchte, aber nicht ohne diese Zusatzfragen in die Runde zu werfen:

  • Wie viel Unschuld darf sein? Wie viel Schutz muss sein?
  • Gehen wir zu hysterisch mit dem Thema Pädophilie um? Stellen wir damit alle Erwachsenen unter Generalverdacht?
  • Sexualisieren wir unsere Kinder, wenn wir sie von Anfang an in Höschen und Bikinis stecken?

Lassen Sie Ihr Kind nackt im Wasser planschen?
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