Papa in der Karrierepflicht

Neue Richtung: Immer mehr junge Männer wollen als Väter eine aktive Rolle übernehmen. (Foto: iStock)

«Geradezu surreal» sei das Verhältnis zur Arbeit in der Schweiz, sagte mir in diesen Tagen meine 26-jährige Tochter am Telefon. Sie weiss, wovon sie spricht. Lange Jahre hatte sie einen Vater erlebt, der bis zur Grenze der Erschöpfung arbeiten musste. Und auch sie gab jahrelang Gas, absolvierte in sechs Jahren das Medizinstudium. Jetzt nimmt sie auf Island faktisch ein Timeout, mistet Pferdeställe und trainiert Reitpferde, bevor sie als Spitalärztin ihre Berufslaufbahn startet.

Über den Mamablog-Beitrag «13 Wochen Ferien für alle!» zum Thema Arbeit sprachen wir zwar nicht. Aber den Appell der Autorin Sibylle Stillhart für weniger Unterwerfung gegenüber der Ersatzreligion Arbeit würde sie wohl ebenso unterzeichnen wie ihr Vater. Jedenfalls stehe ich dazu: Auch ich war einer, der, wie im Mamablog beklagt, mein Leben weitgehend der Arbeit untergeordnet hat. Einmal abgesehen von meiner Verantwortung als – lange Jahre alleinerziehender – Vater von drei Kindern. Grosse Wahlmöglichkeiten hatte ich allerdings nicht, als es mit der Ehe bachab ging. Der Verzicht auf meine berufliche Führungsfunktion jedenfalls kam nicht infrage. Denn das wäre juristisch ein «selbstverschuldeter Einkommensausfall» gewesen, wie mich mein Scheidungsanwalt aufklärte. Nie werde ich die Klarheit seiner Aussage vergessen, als er mir Anfang der Nullerjahre erklärte, was das konkret bedeuten würde: «Dann können Sie Privatkonkurs anmelden.» Mit der Verantwortung für drei heranwachsende Kinder? Unmöglich.

Väter wollen aktive Rolle

Umso hellhöriger reagiert man mit derlei Lebenserfahrungen auf das im betreffenden Mamablog-Beitrag versuchte Verknüpfen unserer gesellschaftlichen Wertehaltung zur Arbeit mit Geschlechterfragen. Weshalb, bitte, soll die weit verbreitete Fixierung auf die Erwerbsarbeit als Argument dienen gegen ein gleiches Pensionierungsalter für Mann und Frau, wie es die Rentenrevision 2020 vorsieht? Und wie stützt die Autorin ihre Behauptung, dass Frauen «immer noch hauptverantwortlich für Kinderbetreuung und Haushalt» sind?

Meine Beobachtungen in der Praxis gehen in eine andere Richtung: Viele junge Männer wollen heute als Väter eine aktive Rolle übernehmen. Und weitsichtige Firmen reagieren. Nur müssten auch Journalistinnen und Journalisten ihre traditionellen Gesellschaftsbilder überholen. Ebenso wie viele Familienrichterinnen und -richter, wenn es im Konfliktfall konkret darum geht, Väter nicht weiterhin in traditionelle Rollenmuster zu pressen. Und last, but not least bietet sich unserem Land jetzt auch die Chance, jungen Familien mehr gemeinschaftliche Zeit zu gönnen, indem der geschlechterfixierte Mutterschafts- zum Elternschaftsurlaub erweitert wird. Das darf auch etwas kosten für eine Gesellschaft, die für sich Familienfreundlichkeit in Anspruch nimmt.

Vision statt Illusion

Gratisferien für alle auf Hawaii aber kann es auch künftig nicht geben. Was die im Blogbeitrag gelobte Buchautorin und Politikerin Gret Haller Anfang der Achtzigerjahre sich alles an staatlichen Gratisleistungen wünschte, das hat wenig mit Vision und umso mehr mit Illusion zu tun. Voll kostendeckende Kinderzulagen, Gratis-Kitas und dergleichen mehr: Wäre eine dermassen durchsubventionierte Elternschaft dann als Ausdruck einer «gerechten Gesellschaftsordnung» zu verstehen?

Ganz abgesehen von der Frage, wer den Zoll für ein solches Gesellschaftsmodell zu tragen hätte. Zum Beispiel die Ledigen und die Alleinstehenden. Und natürlich würden dann auch die Firmen ins steuerliche Visier geraten, wodurch dieselben wohl – so weit möglich – flüchteten. Und diese Fluchtmöglichkeiten nehmen im Zeitalter von Mobilität und Globalisierung zu.

Dann hätten wir zwar tatsächlich weniger Arbeit und mehr Zeit. Aber sicher weniger Wahlmöglichkeiten für die Lebensentwürfe mündiger Menschen.