Papas Kontrollverlust-Training

«VOM KÖRPER WEG!» oder: Papas 1376. Lektion in Gelassenheit. (Foto: iStock)

Helikoptereltern sind doof! Finden Sie nicht auch? Fürchterlich, diese ängstlichen Muttis und Vatis mit ihren überbehüteten Kindern. Wie sie am Klettergerüst stehen, ihre ausgebreiteten Arme immer genau unter Maximilian-Jason, damit er einfach loslassen kann, wenn er müde wird.

Nicht so meine Frau und ich. Wenn der Brecht in der Kurve aus der Rutschbahn kippt, schreiben wir erst den Tweet fertig. Natürlich schlendern wir irgendwann hin und schauen nach, in welchem Gebüsch er gelandet ist. Doch bis wir den passenden Instagramfilter gefunden haben, heult der Brecht längst nicht mehr.

Aber selbst so unglaublich coole Socken wie wir haben ihre Schwächen. Meine Frau lässt das Kind ungern allein. «Wo ist denn der Brecht?», sagt sie häufig. Zum Beispiel, wenn wir in der Migros getrennt einkaufen und uns vor der Kasse wieder treffen. Ich bin da entspannter und antworte meistens so was wie: «Irgendwo wird er schon sein. Zuletzt habe ich ihn bei den Würsten gesehen.»

Umgekehrte Rollen beim Kochen: Meine Frau liess den Brecht schon mit zwei Jahren selbstständig Gemüse schneiden. Nicht etwa mit einem kindgerechten Plastikmesser, sondern mit dem schärfsten Schnitzer im Haushalt. Das Blut floss in Strömen. Mein Blut. Ausgeschwitzt. Dazu sollten Sie wissen: Der Brecht ist sehr ungeschickt und neigt zur ruckartigen Bewegung.

Heute lernen wir loslassen …

Gott sei Dank arten die unterschiedlichen Vorstellungen über kindliche Sicherheit bei uns nie in Streit aus. Meist gibt sich der ängstliche Elternteil beeindruckt von der Gelassenheit des anderen und versucht, seine Angst fortan ebenfalls zu überwinden.

Der Mut, Kinder einfach mal machen zu lassen, ist nicht allen gegeben. Manche müssen immer wieder lernen, locker zu bleiben. Überhaupt ist Kindererziehung ein Lehrgang im kontrollierten Kontrollverlust, mit ungefähr 18 mal 365 Kurstagen. In der Klubschule würde das – kurz nachgerechnet – 985’500 Franken kosten.

Was war ich vor Brechti Geburt naiv. Ich dachte, ich würde jede Situation kontrollieren können. Als Vater weiss ich heute: Kontrollverlust ist ein Naturgesetz. Niemand kann die Katze vor den Filzstiften beschützen, während er einen brennenden Vorhang löscht.

Die Übergabe von Kontrolle ist ja auch schrecklich wichtig für die kindliche Entwicklung. Die Kontrolle, die ich als Vater über eine Situation verliere, ist Kontrolle, die mein Kind gewinnt. Ich verliere zum Beispiel die Nerven, weil das Kind experimentell dran sägt. «Empowerment» nennt es der Angelsachse. Oder mit anderen Worten: Wer braucht schon einen Fidget Spinner, wenn er Vater zum Durchdrehen bringen kann.

… aber nicht zu viel loslassen

Doch Kontrollverlust – so wichtig er ist – muss stets kontrolliert bleiben. Ich kann wütend werden, aber ich darf das Kind nicht schlagen. Ich kann den Brecht in der Migros umherlaufen lassen, aber nicht in der Geschirrabteilung. Die Frau darf dem Kind ein Messer geben, aber keinen Stabmixer.

Meine grössten Vorbilder als Eltern sind nicht Menschen, die ein bestimmtes Arbeitspensum absolvieren. Meine Vorbilder sind Eltern, die auf dem Grat zwischen Gelassenheit und Sorglosigkeit souveräner wandern als ich. Die dem Kind viele Freiheiten geben, aber im richtigen Moment eingreifen.

Als geborener Kontrollfreak übe ich noch – dazu ist das erste Kind ja da. Heute beobachte ich den Brecht erneut, wie er sich mit dem Damaszenermesser in der Faust eine Haarsträhne aus dem Gesicht fuchtelt. Selbst wenn ich überzeugt bin, dass er sich jeden Moment sein Gesicht entzweischneidet, ich greife nicht dazwischen. Es reicht, wenn ich alle zwei Sekunden schreie: «VOM KÖRPER WEG, VOM KÖRPER WEG!»