Knappe Mode für kleine Mädchen

Gleiche Grösse, gleicher Typ: Aber die Mädchenvariante (links) ist fast immer deutlich kürzer als diejenige für Buben. Fotos: Nadia Meier

60 Prozent der Schweizer Mädchen zwischen 13 und 17 Jahren wären gerne dünner. Das hat eine Pilotstudie der Gesundheitsförderung Schweiz vor zwei Jahren gezeigt. Wenn man diesen Wert mit früheren Studien vergleicht, fällt auf: Junge Mädchen, die mit ihrem Körpergewicht zufrieden sind, werden vermutlich immer seltener. Woran liegt es? An den scheinbar perfekten Influencerinnen auf Instagram? An den Müttern, die ihren Töchtern bezüglich Körperbild ein schlechtes Vorbild sind? Oder an TV-Formaten wie «Germanys next Topmodel», die junge Frauen auf ihr Aussehen reduzieren?

Wohl an allem ein bisschen. Und zusätzlich am Kleiderangebot in der Kinderabteilung. Wobei, eine eigentliche Kinderabteilung gibt es ja gar nicht. Sondern einerseits eine grosse Mädchenabteilung mit Kleidern, die mindestens zwei der folgenden Kriterien erfüllen:

  • Farben: pink, rosa, violett, hellblau
  • Sujets: Herzchen, Punkte, Prinzessinnen, Schmetterlinge, Blumen, Einhörner
  • Aufdrucke: Pretty, Sweet, Princess, I Love Shopping
  • Bonusmaterial: Glitzer!

Dann gibt es andererseits eine etwas kleinere Jungenabteilung, mit Kleidern, die etwa so aussehen:

  • Farben: blau, grün, gelb, rot
  • Sujets: Autos, Feuerwehr, Monster, Dinosaurier
  • Aufdrucke: Wow!, Captain Awesome, Motor Club

Enge Shirts, kurze Shorts

Und es gibt noch einen Unterschied. Für Mädchen gibt es zwar meist die grössere Auswahl. Dafür bekommt man weniger fürs Geld. Und zwar weniger Stoff. Shorts in der Grösse 116 sind für Mädchen eigentlich immer kürzer als für Buben. T-Shirts für Mädchen haben kürzere Ärmel, sind weniger lang und oft auch schmaler geschnitten als T-Shirts für Buben.

  • Shirts von der Migros, beide Grösse 116.

  • Stoff-Shorts von H&M, beide Grösse 116.

  • Shirts von Vögele, beide Grösse 104.

  • Jeans-Shorts von C&A, beide Grösse 92.

Ob bei H&M, in der Migros oder bei C&A: Überall gibt es für Mädchen knappe Shorts und figurbetont geschnittene T-Shirts. Die Botschaft, die in solche Kleider gewoben ist: «Es ist wichtig, wie du aussiehst, Mädchen! Schliesslich sieht man eine ganze Menge von deinem Körper. Also bloss nicht dick sein!» Von den Buben sieht man in ihren knielangen Shorts und lockeren T-Shirts viel weniger. Hier ist das Motto: bequem und praktisch.

Es ginge auch anders

Ich wünsche mir eine Kinderabteilung, in der es wenigstens bis Grösse 140 Kleider ohne Geschlechterklischees gibt. Vielleicht orange T-Shirts mit Löwen drauf. Oder dunkelblaue Shorts mit rosa Flamingos. Einfach Kleider, denen man nicht ansieht, dass sie für ein Kind mit einem bestimmten Geschlecht produziert wurden. Es gibt sogar schon Marken, die solche Kleider anbieten. Zum Beispiel Girls Will Be. Die Gründerin, selbst Mutter einer Tochter, hat aus der Not ein Business gemacht: Sie verkauft Mädchenkleider, die keine Bubenkleider sind, aber eben nicht rosa, glitzernd, eng und knapp. Weitere Hersteller haben sich unter dem Label Clothes Without Limits zusammengetan.

Aber Online-Shopping in den USA kann nicht die einzige Lösung sein. Grundsätzlich bietet die Textilbranche das an, was gekauft wird. Und wer kauft Kinderkleider? In den meisten Familien, die ich kenne, sind es die Mütter (und Grossmütter). Mit unseren Kaufentscheiden können wir das Angebot beeinflussen. Je weniger Barbie-Outfits wir unseren Töchtern kaufen, desto mehr Unisex-Kleider finden wir in den Kinderabteilungen der Zukunft.