Mann, es geht doch!

Mamablog

Das Guetslibacken geht mit Papi genauso gut wie mit Mami. Foto: yulkapopkova (iStock)

«Uii, du arbeitest 60 Prozent? Das ist aber viel – ist deine Tochter drei Tage in der Krippe?» Solche Fragen werden mir zuhauf gestellt. Meine Antwort: «Es gibt auch eine Person, die nennt sich ‹Vater›. Wir teilen uns Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung und Haushalt gleichmässig auf, dazu ist die Kleine je einen Tag bei der Oma und in der Kita.» Darauf folgt meist ein ganz erstauntes «Oh, aha».

Immer wieder stellen mein Mann und ich fest, dass wir mit unserer gleichmässigen Rollenverteilung zu den Exoten gehören; in der Schweiz sowieso. Die Zahlen geben uns recht: In gerade mal 6,5 Prozent der Schweizer Familien arbeiteten im Jahr 2014 beide Eltern Teilzeit, wie der «Beobachter» im Herbst 2015 festhielt.

Zwar steigt der Anteil der Väter, die Teilzeit arbeiten. Euphorisch redet man davon, wie sich dieser Anteil in den letzten zehn Jahren verdoppelt hat. Aber mal ehrlich: Wenn er statt 5 Prozent inzwischen gerade mal 10 bis 12 Prozent beträgt, und die grosse Mehrheit der Teilzeitpapis immer noch 80 bis 90 Prozent arbeitet: Ist das wirklich so fortschrittlich? Am weitesten verbreitet ist nach wie vor das Modell: Mann = Haupternährer, Frau = Kinder- und Haushaltsversorgerin, die manchmal ein Zustüpfli ans Haushaltsbudget leistet.

Von wegen «modern»

Das Bild der kinderbetreuenden und haushaltführenden Mutter hält sich hartnäckig – als wäre das eine naturgegebene Bestimmung. Wenn sie mehr als 40 Prozent arbeitet, gibts oft einen Aufschrei vom Umfeld – aber wenn ein Papi «nur» 80 Prozent arbeitet, dann ist er modern. Wow, ein Papitag pro Woche, welch aussergewöhnliche Leistung! Aber vier bis sieben Mamitage pro Woche? Total selbstverständlich, das gehört sich schliesslich so, Punkt, Schluss. Es ist immer wieder erstaunlich, wie sich viele Paare «modern» geben und von Gleichberechtigung reden, sich dann aber spätestens ab dem ersten Kind doch den alten Rollenmustern fügen.

Bei uns galt seit der Geburt unserer Tochter vor dreieinhalb Jahren: Der Papi ist auch da, und zwar nicht nur am Abend und am Wochenende. Zugegeben, die Organisation unseres Alltags ist nicht immer ein Zuckerschlecken – aber das ist es ja auch bei anderen Eltern nicht. Meine Erwerbsarbeit von 60 Prozent teilt sich auf in zwei unregelmässige Jobs à rund 30 Prozent, hinzu kommt meine Teilselbstständigkeit mit einigen Prozenten. Diese fallen meist genau dann an, wenn schon bei den beiden Hauptjobs Stau herrscht. Mein Mann ist selbstständig (ansonsten wäre ein 60-Prozent-Pensum wohl eher schwierig durchzusetzen) und arbeitet unregelmässig und oft kurzfristig. Unsere Arbeitseinsätze so einzuteilen, dass jemand von uns zu unserer Tochter schaut, wenn nicht Oma- oder Kita-Tag ist, grenzt manchmal an ein logistisches Kunststück.

Vorgelebte Gleichberechtigung

Trotz der logistischen Verrenkungen glauben mein Mann und ich, dass wir insgesamt weniger gestresst sind als manche andere Eltern. Und es gibt weitere Vorteile: Der Papi ist eine gleichwertige Bezugsperson für unsere Tochter, so hängt sie nicht ständig an Mamis Rockzipfel. Mein Mann ist zudem total routiniert in der Kinderbetreuung und im Haushalt und muss nicht erst von der Ehefrau instruiert werden. Es entlastet beide Elternteile gleichermassen, wenn nicht die Mehrheit der Arbeit an einem von ihnen hängen bleibt. Ausserdem haben Vater und Kind etwas voneinander, wenn er es nicht nur abends und am Wochenende sieht. Man hört ja immer wieder von karrieregestandenen Vätern erwachsener Kinder, dass sie etwas bereuen: sich nicht genug Zeit für ihre Kinder genommen zu haben.

Ebenfalls wichtig: Unsere Tochter bekommt vorgelebt, wie das mit der gleichberechtigten Rollenverteilung funktioniert. Ich bin überzeugt, dass auch in der eher konservativen Schweiz viel mehr möglich wäre, wenn alle Beteiligten (Väter, Mütter, Arbeitgeber, Staat usw.) am selben Strick ziehen würden und nicht nur von Gleichberechtigung schwafeln, sondern sie auch leben. Also nur Mut, es lohnt sich.