Wegschauen oder eingreifen?

Mamablog

Gewalt gegen Kinder darf nie ignoriert werden: Szene aus der australischen TV-Serie «The Slap». Foto: PD

Der Vater schlägt mit den Fäusten auf sein Kind ein, immer und immer wieder. «Aufhören!» Als ich vor ihm stehe und den Vater abermals anschreie, hält er kurz inne und schaut auf. Sein Blick ist wild, ausser sich. Er schreit zurück: Ich solle abhauen, putain! Schlampe! Das geht dich nichts an, du! Schau, dass du wegkommst, sonst bist du die Nächste, die Schläge kriegt.

Die Szene ereignete sich vor etlichen Jahren, doch sie hat sich eingebrannt. Es war zur brütend heissen Mittagszeit im Stadtpark von Nizza.

Das etwa fünfjährige Mädchen, nur in Unterwäsche gekleidet, hatte das kurze Innehalten des Vaters genutzt und sich losgerissen. Es stand nun in der Mitte eines prunkvollen Brunnens, versuchte, sich hinter einer Fontäne zu verstecken. Sein Körper war übersät mit blaugrünen Flecken. Der Vater schrie und rief in ihre Richtung und ich redete zugleich auf diesen Tyrannen ein. Natürlich hatten alle im Park das Drama mitgekriegt, doch alle schauten sie weg. Ja, wollt ihr denn nichts tun, schleuderte ich ihnen in meinem Anfängerfranzösisch entgegen, bevor ich mich wutentbrannt zur nächsten Polizeistation aufmachte. Ich konnte diese Gleichgültigkeit der Anwesenden nicht fassen und kann es noch immer nicht.

Von der Pflicht, den Mund aufzumachen

Solche Situationen ereignen sich glücklicherweise selten. Doch die Frage, ob und wann wir uns bei Fremden einzumischen haben, beschäftigt mich seither regelmässig: Soll man sich pöbelnden Teenagern in der S-Bahn in den Weg stellen und ihnen sagen, dass sie sich gefälligst zu benehmen haben? Den keifenden Alten weiter seine ausländer- und frauenfeindlichen Sprüche machen lassen? Der Mutter, die ihren kleinen Sohn in der U-Bahn schikaniert, etwas sagen? Was geht unter «leben und leben lassen» und ab wann ist es unsere Pflicht, den Mund aufzumachen und Zivilcourage zu zeigen?

Befindet sich jemand offensichtlich in Not, ist hoffentlich klar, wie andere in der Öffentlichkeit zu reagieren haben: indem sie helfen und sich für den Menschen einsetzen. In weniger eindeutigen Situationen ist es als Aussenstehender aber oft schwierig abzuschätzen, wie man sich zu verhalten hat: Speziell bei Eltern mit kleinen Kindern, die etwa im Zug, Restaurant oder Tram schnell mal auffallen. Wer selbst kleine Kinder hat, weiss, was eine anstrengende Nacht und ein nervenaufreibender Morgen bedeuten können: Man ist im Zeitdruck, gestresst, giftelt oder schreit vielleicht auch mal die Kleinen an. Das kommt im Familienalltag vor.

Es geht ums Prinzip

Wann also soll man beherzt eingreifen? Ein Autor des «Spiegels» beschreibt sein Dilemma dazu sehr gut: Eine Mutter war mit ihrem zweijährigen Sohn plus Buggy in die U-Bahn eingestiegen. Auf ein Flüstern des Kleinen schimpfte sie sofort auf ihn ein und hörte nicht mehr damit auf. Sollte man sie ignorieren? Ihr Gepöbel gegenüber dem Kind aber war heftig. Sollte man der Frau also doch die Meinung sagen und den Kleinen verteidigen?

Der Autor entschied sich dagegen. Vielleicht habe er so gehandelt, weil sie nur geschrien habe und grob war, schreibt er, «aber geschlagen hat sie ihr Kind nicht». Dennoch: Er hätte etwas sagen sollen, ist er heute überzeugt. Es gehe dabei schlicht ums Prinzip: Darum, dass es nicht egal ist, wie wir einander in einer Gemeinschaft behandeln. «Nicht unter Erwachsenen und schon gar nicht gegenüber Kindern, die sich selbst nicht wehren können.»

Was ist Ihre Meinung? Wann soll man sich bei anderen Eltern einmischen?