Gruselkabinett im Mädchenzimmer

Pink, wohin das Auge reicht. Reese Witherspoon gibt in «Legally Blonde» ein zweifelhaftes Vorbild für Mädchen ab. Foto: Screenshot Youtube / MGM

Ich erinnere mich gut an mein Unbehagen, als unsere damals zweijährige Tochter im rosa Hello-Kitty-Tutu aus dem Spielzimmer der Cousine hopste. Tutu, rosa UND Hello Kitty war etwas viel für mich, hatte ich doch zumindest versuchen wollen, das Mädchen nicht kampflos all diesen stereotypen Spielsachen zu überlassen.

Ein Fan von Hello Kitty bin ich also nicht. Von all zu strikter Spielsachenzensur aber auch nicht. So lernten wir nach dem süssen Kätzchen bald Prinzessin Lillifee kennen, die ihr im Superlativ von Rosa gehaltenes Leben damit verbringt, kleinen Mäuschen Pirouetten beizubringen. Hinzu kamen die Girls der «Lego Friends», anzutreffen in Hundesalons, Aufnahmestudios, Cup-Cake-Cafés und auf Reiterhöfen. Etwas später reihten sich die Topmodels ein in die Parade der Gegenspieler der gendersensiblen Erziehung. (Im Vergleich zu ihnen nannte Mamabloggerin Nadia Meier Prinzessin Lillifee eine kleine Alice Schwarzer, womit das Wesentliche gesagt wäre.) Darüber hinaus wohnen mittlerweile zahlreiche Exemplare der guten alten Barbie bei uns. Sie werden zwar oft recht unladylike gefoltert, sodass ich heimlich schwarz bemalte Gesichter abwasche und ausgerissene Beine wieder einstecke. Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass sie Masse haben wie Heidi Klum, und ebenso sexy Kleider. Als Krönung schliesslich (oder als aktuellster Beweis meiner Kapitulation…) steht seit kurzem ein lebensgrosser Frisierkopf im Regal, von der Zweitgeborenen lang ersehnt. (Der Götti hatte ein Einsehen.)

Wo man im Mädchenzimmer also hinsieht: weibliche Figuren, die vor allem süss, sexy oder beides sind und so gar nichts mit Emanzipation an ihren kleidsamen Hütchen zu haben scheinen.

Was kommt nach Bibi?

Doch siehe da, neulich: ein heller (nicht rosa) Streifen am Horizont: Die ältere Tochter stellte ihre Bücher von «Die drei !!!» – eine Art «Die drei ???», adaptiert für Mädchen – zu den Dingen für den Flohmarkt, anstatt sie der kleinen Schwester zu «vermachen». Ihr Kommentar: «Die sind langweilig, es geht nur um Nagellack und Liebeskummer.» Aha, da erwacht ein kritischer Geist! Meine Anregungen, sie tragen Früchte. Dachte ich. Allerdings steht auf dem leer gewordenen Platz nun eine ganze Batterie von Dusch- und Cremeschäumen mit Geschmacksnoten wie ein Glace-Sortiment, entworfen von Bibi alias Bianca Heinicke, bekannt durch ihren Youtube-Kanal Bibis Beauty-Palace. Bisher hat sich diese Bibi erst damit bei uns eingenistet. Ihre Beauty-Tipps oder ihr neuer Song, der Stoff für die Albträume der Vertreterinnen einer ganzen feministischen Bewegung bieten würde, sind noch nicht in unseren Haushalt vorgedrungen. Dennoch dämmert mir langsam: Da wartet eine neue Liga von weiblichen Rollenmodellen auf unsere Töchter. Als ich mir die Sache auf Youtube mal ansah, wünschte ich mir fast das Hello-Kitty-Tutu zurück.

 

Emanzipation im Kinderzimmer? Fehlanzeige.

Man wird nicht als Tussi geboren, man wird dazu gemacht… geht mir da in freier Anlehnung an Feministin Simone de Beauvoir durch den Kopf. Gelegentlich befällt mich schon ein kleines Gruseln, wenn ich sehe, womit unsere Töchter teilweise gross werden (müssen). Und ich frage mich: Wo sind die Neuauflagen von Pippi, Ronja und anderen tollen Mädchenfiguren abseits von Nail-Art und Herzschmerz? Emanzipation im Kinderzimmer? Einfach allzu oft Fehlanzeige. (Und auch Buben haben es wohl kaum besser, einfach anders. Aber das ist ein anderes Thema.)

Ob eine elterliche Mobilmachung gegen Bibi und Co. allerdings Erfolg verspricht? Ich weiss es nicht. Bisher habe ich mich dagegen entschieden und versuche weiterhin, auf den kritischen Geist unserer Kinder zu setzen, auch wenn mir das ultimative Rezept zu dessen Förderung fehlt. Zweckentfremdete Barbies und verschmähte «Die drei !!!» werte ich mal als Achtungserfolge. Derweil bemühe ich mich, das Kommen und Gehen von Kitty bis Bibi ohne Schnappatmung zu überstehen. Zur Übung zwinkere ich dem Frisierkopf im Vorbeigehen jeweils freundlich zu.