Erziehen nach Instinkt

 

  • Liebevoll: Eine Seelöwin mit ihrem zwei Monate alten Baby. Foto: Fabrizio Bensch (Reuters)

  • Ja, ja, schrei du ruhig: Fünf Monate alter Borneo-Orang-Utan mit Mutter. Jon Nazca (Reuters)

  • Teilen: Ein Rhinozeros mit drei Monate altem Baby. Foto: Yves Herman (Reuters)

  • Quality Time: Familie Strauss beim gemütlichen Spaziergang. Thomas Mukoya (Reuters)

  • Tapir-Mami mit sechs Tage altem Sohn. Foto: Rebecca Naden (Reuters)

  • Frisch geborenes Seelöwen-Baby und Mama im Zoo von Wuppertal. Foto: Ina Fassbender (Reuters)

  • Familienkuscheln: Kleines Seelöwchen mit einer Gruppe Älteren. Foto: Michael Fiala (Reuters)

  • Schwimmkurs: Babydelfin, 56 Tage alt, und Mama Delfin. Wolfgang Rattay (Reuters)

  • Süsses Knäuel: Ein viermonatiger Babyeisbär und seine Mutter. Foto: Eric Gaillard (Reuters)

  • Patchwork-Familie: Babyaffe, Babylöwe und Babytiger. Foto: Reuters

  • Hopp, das schaffst du! Eine Panda-Mama mit ihrem einjährigen Jungen. Foto: Reuters

  • Jetzt hör doch mal zu! Ein Borneo-Orang-Utan-Weibchen mit Neugeborenem. Foto: David W Cerny (Reuters)

  • Stopp! Eine asiatische Löwin und ihr Junges zwei Monate nach der Geburt. Foto: Yves Herman (Reuters)

  • Du bist so stark! Ein Kapuzinerhäffchen hängt an seiner Mutter – im wahrsten Sinne des Wortes. Foto: Reuters

  • Ein halbes Jahr alt, und noch so klein: Das Koala-Baby wird nach sechs Monaten gewogen. Ina Fassbender (Reuters)

  • Fürsorglich: Zwei Mantelaffen halten ein frisch geborenes Baby. David W Cerny (Reuters)

  • Beschützend: Babyelefant mit Eltern. Foto: Pedja Stanisic (Reuters)

Vegan essen oder doch lieber fünf Jahre stillen? Am besten gar in Kombination? Dazu aber dann doch impfen und Hightech-Schuhe für die wachsenden Füsse kaufen… irgendwie beruhigt sich die Diskussion darum, wie man gute Eltern sein soll, einfach nicht. Im Gegenteil: In den 16 Jahren, in denen ich mich mit dem Thema beschäftige, dünken mich die Eltern immer verunsicherter zu werden, wie man das «Projekt Kind» möglichst richtig angehen soll.

Bei der verzweifelten Suche nach dem Rezept zum perfekten Bemuttern und Bevatern kommen immer abstrusere Konstrukte aus Studien zu Ernährung, Hirnentwicklung, Naturvölkern und Erziehungslehren auf den Markt. Gespickt mit Debatten rund um Frühförderung und die Aufgabenteilung zwischen Eltern, Kita und Schule.

Projekt Kind

Traurigerweise scheinen all die gut gemeinten Versuche oft genau das zu zementieren, was sie eigentlich beheben wollen: den Verlust des Vertrauens in die natürlichen Fähigkeiten, schon das Richtige zu tun. Es kommt vielen Eltern abhanden. Und damit auch der Glaube daran, dass wir die natürlichste Sache der Welt gut machen, wenn wir darauf bauen, dass dieses Wissen in uns angelegt ist.

Immer wieder beobachte ich Eltern, die beinahe Angst vor ihren Kindern zu haben scheinen. Als wären diese eine Art unbekannte Wesen, die zu bändigen und formen man möglichst perfekt hinkriegen muss. Ein Projekt eben.

Tiere als Erzieher

Da kommt das erfrischende und unterhaltsame neue Buch der Verhaltensforscherin Dr. Jennifer Verdolin gerade recht. Es heisst «Raised by Animals»* (Leider erst auf Englisch erhältlich) und befasst sich mit der Elternschaft im Tierreich. Keine Angst, es handelt sich dabei nicht um den neuesten Schrei auf dem wild wachsenden Markt der Erziehungsratgeber, sondern um das differenzierte Werk einer Wissenschaftlerin – ohne dogmatische Ansprüche.

Verdolin untersucht darin anhand oft verblüffender Beispiele, wie Tiere mit den Situationen umgehen, mit denen wir Menschen uns täglich herumschlagen. Entspannt, neugierig und auf der Suche nach Verstehen und Inspiration.

Besonders herausstreichen möchte ich hier ihre Beobachtungen zum Trotzen, bekanntlich eine der grössten Herausforderungen für Mütter und Väter. Präriehundeweibchen beispielsweise lassen sich offenbar in keinster Weise von einem tobenden Klein-Präriehund beeindrucken – selbst dann nicht, wenn er sich ihr in seiner Rage ans Bein hängt. Gleiches zeigt Verdolin auch anhand von Makaken auf, einer Affenart. Stimmt: Vermutlich können diese Tiere Gott danken, dass sie die Trotzanfälle nicht in der Migros an der Kasse durchstehen müssen – und sich die Blicke all jener gefallen lassen müssen, die meinen, zu wissen, wie man es besser macht. Auch diesen selbst ernannten Supernannys empfehle ich übrigens die Lektüre dieses Buches.

Geduld als tierische Tugend

Ebenfalls spannend: Wie geduldig und wenig aggressiv Tiere im Generellen mit ihren Kids umgehen. Das wollen ja auch Menscheneltern in der Regel tun. Aber gerade die grassierende Verunsicherung und der Druck durch Aussenstehende stresst sie dabei. Und Stress und Unsicherheit gehören zu den verlässlichsten Garanten für Überforderung  – und folglich Aggression.

Fortpflanzung wird im Tier- und Pflanzenreich und selbst bei Einzellern und Co. sehr gross geschrieben. Rein biologisch gesehen, ist es bei uns Menschen nicht anders. Wer aber jetzt darauf wartet, dass ich gegen Kinderlose oder arbeitende Mütter vom Leder ziehe, wartet vergebens. Es geht ja nicht darum, uns wieder zu Tieren zu erklären. Sind wir auch nicht mehr. Unser tierisches Erbe werden wir jedoch noch lange mit uns herumtragen.

Die perfekt Familie gibt es nicht

Deshalb will Verdolin mit ihrem Buch wieder vor Augen führen, welches Wissen in uns angelegt ist. So plädiert sie auch nicht dafür, irgendetwas Kompliziertes oder Kopflastiges zu tun, um unsere Kinder aufzuziehen, sondern schlicht dafür, so zu handeln, wie es uns natürlich erscheint. Dabei betont sie: Es gibt keine einzig richtige Art zu erziehen und keine perfekten Familien.

Das Fazit ihrer Beobachtungen lässt sich auch noch mit einem weiteren Satz zusammenfassen, den man auch auf der Website der Autorin findet: «Denke wie ein Mensch, handle wie ein Tier.»

Natürlich sollen und können wir uns nicht eins zu eins mit Tieren vergleichen – immerhin verlassen zum Beispiel Haie ihre Jungen noch vor dem Schlüpfen oder Löwen töten die Babys einer Angebeteten, um sich erfolgreich mit ihr zu paaren. Doch die Seitenblicke in dem Buch machen Mut, Kinder wieder einfach als Kinder zu sehen und nicht als Projekte, die gelingen müssen. Dazu bietet es viele frische Denkanstösse.

Und hier gleich noch einer: Der Muttertag am Sonntag könnte doch eine kleine Hommage an diese Fähigkeiten in uns Frauen und Müttern sein. Mit oder ohne Blumenstrauss als Sahnehäubchen dazu. Mit ist einfach schöner.

Jeniffer L. Verdolin: «Raised by Animals: How Dolphins Bond, Why Meerkats Babysit, and Other Lessons from Families in the Wild«, Experiment Verlag, 304 Seiten, ca. 22 Fr.