Mein Kind muss nicht teilen!

Meins oder deins? Beim gemeinsamen Spiel wird Teilen zur Nebensache. (Bild: Getty Images)

«Mein Kind muss nicht mit eurem Kind teilen», schrieb die amerikanische Mutter Alanya Kolberg vor ein paar Tagen auf Facebook – und seither geht ihr Posting viral. Über eine Viertelmillion User teilten den Beitrag bislang, zahlreiche Medien und Blogs berichteten darüber. Und die User beschimpfen Alanya Kolberg entweder als Egoistenkuh oder bedanken sich überschwänglich bei ihr für ihre Worte. Was war geschehen?

Alanya Kolberg und Carson. (Bild: Alanya Kolberg)

Alanya Kolberg war mit ihrem Sohn Carson in den Park gegangen, um eine Freundin und deren Tochter zu treffen. Mit dabei hatte Carson Spielzeuge, darunter auch seine heiss geliebte Transformer-Figur. Er wollte sie seiner Spielkameradin zeigen und gemeinsam damit spielen. Beim Spielplatz angekommen, wollten aber auch sechs ihm fremde Buben mit seinem Transformer spielen. Alanya schrieb in ihrem Posting:

«Er war sichtlich überfordert und drückte seine Sachen an sich, während die anderen Buben danach griffen. … ‹Du kannst Nein sagen, Carson›, habe ich gesagt, ‹sag einfach Nein. Du musst nichts anderes sagen.› Natürlich, sobald er Nein gesagt hatte, rannten die Jungs zu mir und petzten, dass er nicht teilen würde. Ich habe geantwortet: ‹Er muss nicht mit euch teilen. Er hat Nein gesagt. Wenn er teilen will, wird er das tun.›»

Streitende Kinder und vorwurfsvolle Eltern

Diese Reaktion hat Alanya unverständliche Blicke von den anderen Eltern am Spielplatz eingebracht. Sie aber ist der Meinung, dass das schlechte Benehmen nicht bei ihrem Kind lag – sondern vielmehr bei jenen sechs Kindern, die das Spielzeug regelrecht einforderten –, obwohl es offensichtlich gewesen sei, dass sich ihr Sohn unwohl dabei fühlte. Carson habe kein Problem damit, etwas zu teilen, schreibt sie, schliesslich habe er sein Spielzeug in den Park mitgenommen, um damit mit der gleichaltrigen Tochter ihrer Freundin zu spielen. Weshalb also werfe man ihr und ihrem Sohn dennoch Egoismus vor? «Wir Erwachsenen teilen doch auch nicht alles mit Fremden. Würde ein Erwachsener von mir erwarten, dass ich mein Sandwich mit ihm teile? Nein!»

Diese Geschichte rund ums Teilen ist deshalb interessant, weil es viel über unseren Umgang miteinander aussagt. Wir möchten, dass das Kind früh Teil der Gesellschaft ist, deren Umgangsformen kennt, sozial agiert, höflich und integriert ist. Willst du nicht teilen?, fragen wir es und hoffen, dass sich der oder die Kleine im Sandkasten dazu hinreissen lässt, den Sändeli-Kübel hin und wieder dem anderen Kind zu überlassen – statt ihn ihm über den Kopf zu dreschen.

Denn Teilen macht Freude und «sharing is caring», nicht wahr? Doch haben wir wirklich etwas gewonnen, wenn unsere Kinder nur dann teilen, wenn wir sie dazu ermahnen? Erziehen wir unsere Kinder zu kleinen Egoisten, wenn wir sie nicht zwingen zu teilen?

Auch Nein sagen will gelernt sein

Ich glaube, nein. Denn Teilen beruht auf Freiwilligkeit. Wir können ein Kind daran erinnern und dazu auffordern, doch nicht dazu zwingen. Eine Studie amerikanischer Entwicklungspsychologinnen zeigt: Drei- und vierjährige Kinder teilen bereitwilliger, wenn sie sich freiwillig dazu entschlossen haben – und nicht bloss der elterlichen Ermahnung nachkommen, doch bitte einen Teil seiner Spielsachen für ein paar Minuten dem Nachbarkind zu überlassen.

So war es Carson ergangen. Er hatte selbst bestimmt, mit wem er seine Spielzeuge teilen will – und sich gegen übergriffig erscheinende Kinder gewehrt. Daher ist der Begriff Egoismus in diesem Zusammenhang falsch. Als Carson zu den sechs Buben Nein sagte, musste er mutig sein und für sich einstehen. Das nennt man Haltung zeigen und sich anderen gegenüber abgrenzen. Eine nicht unwichtige Lektion im Leben.