Die Wurzel des Geschlechterkampfs

Von Menschen keine Spur: Denn hier gibts nur noch Frauen, Männer, Mädchen und Jungs. (Bild: iStock)

«Schau mal, der Junge will mit dir spielen» und «Gib dem Mädchen bitte seine Schaufel zurück». Sätze, die wir als Eltern fast täglich sagen. Und auch Kindersätze wie «Was macht die Frau?» oder «Wie sieht denn der Mann aus?» kennt jede Mutter und jeder Vater.

Ich will hier nicht die biologischen Geschlechter wegdiskutieren, natürlich gibt es Männer und Frauen, Mädchen und Jungen. Aber seit ich ein Kind habe, kommt es mir schon absurd vor, wie sehr wir auf diesen Unterschied fixiert sind.

Das Geschlecht ist das Erste, was uns an einem anderen Menschen interessiert. Wehe, wir sind uns mal nicht sicher. Egal, ob bei einem Baby oder einem Erwachsenen: Wir können nicht ruhen, bevor wir Gewissheit haben.

Wir und die anderen

Diese Fixierung geben wir auch unseren Kindern weiter. Früh erklären wir ihnen, dass es zwei Arten von Menschen gibt. Das Wort «Mensch» können sie dann auch gleich wieder vergessen. Fortan gibt es nur noch Mädchen und Jungen, Männer und Frauen.

Das ist problematisch, denn mit der Sprache erschaffen wir eine Welt. Eine schwierige Welt für Menschen, die sich nicht in dieses binäre Geschlechterschema einordnen können oder wollen. «Einzelfälle», mögen Sie sagen, aber vielleicht ist gerade Ihr Kind so ein Einzelfall.

Aber selbst wenn die Welt so binär wäre, wie wir sie uns herbeireden: Die dauernde Unterscheidung nach Geschlecht grenzt aus. Teilen wir die Menschen unseren Kindern gegenüber so demonstrativ in zwei disjunkte Gruppen ein, sagen wir nämlich auch Folgendes: «Du gehörst zu denen» und «Jene sind anders als du». So machen wir einen kleinen Unterschied zu einem grossen und wenden ihn auf den ganzen Menschen mit all seinen Eigenschaften an. Vermutlich ohne es zu wollen, legen wir die Grundlage für angelernte Geschlechterrollen – für rosa Spielzeug, ungleiche Gehälter und Mansplaining. Vielleicht sogar für häusliche Gewalt und Männer, die sich durch den Feminismus benachteiligt fühlen.

Gegensteuer geben lohnt sich

«Aber wie soll man denn fremde Menschen bezeichnen?», werden Sie jetzt hoffentlich fragen. Zugegeben, es fühlt sich sehr natürlich an, von Frauen, Männern, Mädchen und Buben zu reden. Ich habe auch kein Patentrezept und bin einmal mehr kein Experte. So handle ich äusserst unwissenschaftlich nach persönlichem Gutdünken – wie wir Eltern es meistens tun.

Ich verwende die Geschlechterbegriffe natürlich auch, versuche aber stets zu hinterfragen, ob sie in der jeweiligen Situation nötig sind. Es ist mir wichtig, den Brecht nicht in eine Geschlechterrolle zu drängen, und entsprechend betone ich auch bei anderen nicht permanent das Geschlecht. So sage ich auch mal «das Kind» oder «die Person». Letzteres klingt mitunter etwas unbeholfen, aber genau das zeigt ja, wie sehr wir auf die Geschlechterbegriffe festgefahren sind. Natürlich geht es nicht nur um diese Begriffe. Ich versuche dem Brecht ganz allgemein vorzuleben, dass es meist egal ist, welches Geschlecht jemand hat. Er soll wissen, dass Gemeinsamkeiten wichtiger sind als Unterschiede.