Lasst doch eure Kinder fluchen!

Mamablog

Verbotenes zu sagen, hat für Kinder einen besonderen Reiz. Foto: danr13 (iStock)

Unser Sohn lernt vieles im Kindergarten: Über die befahrene Strasse zu gehen. Anständig «Grüezi», «Danke» und «Bitte» zu sagen. Sich selbstständig Jacke und Schuhe anzuziehen. Aber: Er lernt dort eben auch seine ersten Flüche. Neulich sassen wir am Mittagstisch, und aus heiterem Himmel sagte der Fünfjährige leise «Figg di!». Ich war über mich selber erstaunt – denn es schockierte mich kein bisschen. Nein, ich fands sogar herzig. Dieses hohe Kinderstimmchen, das so unschuldig die Wirkung eines gefährlichen Kraftausdrucks testet. Auch «Gopfertammi» hat er früher schon ausprobiert – jöh, fast gleich schnüsig. Und darum habe ich dann auch nicht mit ihm geschimpft. Kein bisschen. Warum auch?

Ich bin der festen Überzeugung, dass nutzlose Verbote viel zu schnell zu Einladungen werden, etwas erst recht zu tun. Wenn ich sage, blast nicht mit dem Röhrli in den Sirup – was machen die Kinder dann? Sowieso: Welche Kirschen schmecken besser als die beim Nachbarn gestohlenen? Nicht, dass jetzt jemand denkt, dass man manche Verbote nicht streng durchsetzen sollte. Die Schwester wird nicht geschlagen. Wenn ich dem Sohnemann sage, er solle sich anziehen, schaue ich, dass er es tut. Dies schon. Aber aus der Haut fahren wegen des Fluchens?

Ich selbst fluche doch manchmal auch lauthals. Lasse so ein wenig Druck entweichen, damit ich – wie es so schön heisst – kein Magengeschwür bekomme. Natürlich ist es deshalb schon vorgekommen, dass ich den Kindern dann erklären musste, wieso ich aus der Haut gefahren bin. Und dass man solche Dinge fremden Menschen in der Regel nicht sagt, ausser … eben. Kommt hinzu, dass es eh nie mein Ziel war, meinen Nachwuchs so zu erziehen, dass er möglichst funktioniert, im Sinne von: in der Gesellschaft nie und nimmer aneckt.

Anständige Erwachsene werden sie trotzdem

Von meiner Mutter weiss ich, dass sie in ihrer Kindheit fürs Benützen von Fluchwörtern auch schon mal damit bestraft wurde, dass man ihr den Mund mit Seife auswusch. Aber machen es die älteren Generationen, die so drastisch gegen unschönes Reden vorgingen, darum besser? Ein Erlebnis von letzter Woche lässt mich das Gegenteil vermuten: Da sah ich nämlich einen VBZ-Mitarbeiter in offizieller Uniform, der ein paar Jugendliche, die mit dem Fuss den Türknopf des Trams bedienen wollten, mit «W…» titulierte (ja, das ganz schlimme Wort!). Und: Meine Kinder hatten den auf «-ixer» endenden Ausdruck vom Mann auch gehört.

Trotzdem bin ich ganz sicher, dass sie solches später als Erwachsene nie tun werden. Denn sie haben ja bei mir gelernt, dass wenn Sie richtig deftig fluchen, dann von meiner Seite nur milde gelächelt wird.