Der schlechteste Babysitter

Mit dem Tablet lernen Kinder nichts, dass sie ohne diese Geräte nicht auch – und besser – lernen würden. Fotos: iStock

Mit dem Tablet lernen Kinder nichts, was sie ohne diese Geräte nicht auch – und besser – lernen würden. Fotos: iStock

Am Wochenende fragte eine Mutter auf Twitter, ob jemand gute Apps für Dreijährige empfehlen könne. Meine Tochter ist doppelt so alt und benutzt keine Apps. Der achtjährige Sohn spielt jeden Tag auf dem iPad «Minecraft», Schach oder «Pflanzen gegen Zombies». Nach 15 Minuten piept die Backofenuhr und dann muss die geliebte Unterhaltungsmaschine weggelegt werden. Geschieht das nicht, gibt es am nächsten Tag keine Game-Zeit.

Mit diesen 15 Minuten pro Tag – nach den Sportferien wechseln wir übrigens auf ein selbstverwaltetes Wochenbudget von zwei Stunden – bewegen wir uns an der unteren Grenze, wenn man die Empfehlungen von Expertinnen und Experten anschaut. «Jugend und Medien» findet für Kinder von drei bis fünf Jahren bis zu 30 Minuten Bildschirmzeit pro Tag angemessen. Medienkonsumierende im Alter meiner Kinder dürften bereits fünf Stunden pro Woche fernsehen oder das iPad streicheln.

Ruhigsteller mit fatalen Auswirkungen

Wir sind bewusst zurückhaltend, was Bildschirmmedien angeht. Wir haben keinen Fernseher, unsere Handys sind für die Kinder tabu, und vor der dritten Klasse darf das iPad nicht regelmässig benutzt werden. Obwohl: So ein elektronischer Babysitter ist eben schon praktisch. Ich sah kürzlich ein entspanntes Elternpaar im schwedischen Möbelhaus beim Einkaufen, das Mädchen sass wie hypnotisiert mit dem Tablet im Einkaufswagen und schaute einen Film. Am Samstag lagen im Zara am Boden vor der Umkleidekabine gleich drei Kinder, die aufs mütterliche Handy starrten. Im Zug, im Restaurant, beim Kinderarzt: Überall Kinder, auch kleine, mit Bildschirmen vor dem Kopf. Und die Eltern haben ihre Ruhe.

Babysitter für Unterwegs: Kaum müsste das Kind ein bisschen warten, ist das Tablet zur Hand.

Babysitter für unterwegs: Kaum müsste das Kind ein bisschen warten, ist das Tablet zur Hand.

Natürlich haben auch schon Elterngenerationen vor uns den TV als Babysitter eingesetzt. Aber den konnte man nicht mitnehmen. Also mussten die Kinder unterwegs lernen zu warten, Leerzeiten zu ertragen, Langeweile auszuhalten. Die Handy-Kinder von heute lernen das nicht: K Meine Kollegin, sie hat einen zweijährigen Sohn, fuhr immer gemütlich Auto, während der Kleine hinten Filmchen schaute. Als das Gerät auf der Fahrt ins Tessin plötzlich streikte, drehte ihr Sohn komplett durch und schrie «Fiumli! Fiumli!», dass man es beidseits vom Gotthard hörte. Auto fahren ohne Filmchen, das kannte er gar nicht. Und später wundern wir uns dann über Teenager, die ihr Handy nicht mal nachts aus der Hand legen wollen.

Besser spät als früh ums iPad streiten

Mit den Bildschirmen für Kleine ist es ein wenig wie bei Goethes Zauberlehrling: «Die ich rief, die Geister, werd’ ich nun nicht los.» Anfangs scheinen die Ruhigsteller praktisch und für die Eltern entlastend. Aber kurz darauf beginnt der Terror. Ich kenne kaum Kindergärtler, die das iPad freiwillig wieder hergeben. Das Zeug macht süchtig. Und die Kleinen können ihren Medienkonsum in diesem Alter unmöglich selbst regulieren, also bieten die Eltern das digitale Zuckerbrot an und nehmen es mit der Peitsche wedelnd wieder weg. Zugegeben: Auch mein Sohn würde stundenlang gamen, wenn er denn dürfte. Die Diskussionen und Streitereien über den Medienkonsum kommen sowieso! Als Eltern tut man sich aber einen Gefallen, wenn man so spät wie möglich mit Apps und Games anfängt.

Mit iPads und Handy lernen kleine Kinder nichts, das sie ohne diese Geräte nicht auch – und besser – lernen würden: Beim echten Memory müssen sie mit ihren Patschhänden die Kärtchen umdrehen und können nicht einfach mit dem Zeigefinger auf einen Bildschirm tippen. Und sie müssen sich mit einem menschlichen Spielpartner auseinandersetzen. Ob Memory-App, Duplo-App oder Ausmal-App: Ich bin der Meinung, dass die Kinder das alles ausgiebig mit den eigenen Händen ausprobieren sollen, bevor sie digital spielen, bauen oder malen. Die besten Apps für Dreijährige? Gar keine!

Übrigens durften die Kinder von Steve Jobs, dem Gründer von Apple, zu Hause kein iPad benutzen. Auch andere Eltern, die in dieser Branche arbeiten, sind überraschenderweise sogenannte Low-Tech-Eltern. Und die müssen es ja wissen.