«Überraschend, wie oft nach der sexuellen Norm gefragt wird»

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«Eine Zeitungskolumne ist nicht der Platz für eine persönliche Beratung», sagt Andrea Burri. Foto: Christian Espinoza (Polaris/Laif)

Seit Juni beantwortet Sexualwissenschaftlerin Andrea Burri an dieser Stelle wöchentlich Leserfragen zu Sex und Liebe. Nach dreissig Fragen zieht die Bernerin ein erstes Fazit und sagt, was sie bei ihrer Arbeit als Kolumnistin am meisten überrascht.

Frau Burri, welche Leserfragen fordern Sie heraus?
Wenn etwa jemand fragt, wie man eine 50-jährige Beziehung sexuell auffrischen kann. Da fehlt es mir an Erfahrung, auch wenn es natürlich allgemeine Tipps und Tricks gibt.

Gibt es Dinge, die Sie überraschen?
Ja. Wie gut etwa der wissenschaftliche Aspekt bei der Leserschaft ankommt und auf Interesse stösst. Viele scheinen etwas lernen zu wollen. Dann gibt es durchaus auch Dinge, womit ich nicht gerechnet hatte. Die Erwartung einiger Leser etwa, dass man auf 30 Zeilen ein Thema von allen Seiten beleuchten kann. Das kann ich selbstverständlich nie und nimmer. Auf den Einzelfall kann in einem Beratungsgespräch eingegangen werden. Einige scheinen das zu vergessen und sich persönlich angegriffen zu fühlen. Und natürlich vermögen mich auch immer wieder Fragen zu überraschen.

Um welche Fragen handelt es sich?
Es geht um jene, die sich um die sogenannte Normalität drehen. Zum Beispiel: «Wie oft soll man Sex haben?» Es überrascht, wie wichtig solche Fragen für viele zu sein scheinen. Sie sind in der Regel nicht einfach zu beantworten, zudem sträube ich mich auch stark dagegen, dies zu tun. Klar, es gibt etwa die statistische, soziale oder gesellschaftliche Norm, aber gerade in der Sexualität bin ich sehr vorsichtig, eine gewisse Norm als Massstab setzen zu wollen und dies so mitzuteilen. Das führt zu unheimlichem Druck und grosser Erwartung.

Der Druck scheint aber bereits da zu sein. Zu erfahren, wie sich die meisten anderen Menschen verhalten, kann vielleicht auch beruhigend sein.
Das ist richtig. Natürlich beziehe ich den Forschungsstand so gut ich kann in die Antworten mit ein, das gilt als Grundlage. Das heisst aber nicht, dass es diese «Norm» anzustreben gilt. Aber manchmal kann es helfen, etwa wenn jemand erfährt, dass Erektionsprobleme ab einem gewissen Alter sehr häufig sind und hauptsächlich auf organische Faktoren zurückzuführen sind. So nimmt man dem betreffenden Mann die Sorge, dass mit ihm etwas nicht stimmt.

Sie schreiben in Ihren Antworten immer wieder, man solle sich, gerade was die Sexualität angeht, entspannen.
Ja, das ist ein riesiges Thema. Ist man gegenüber seiner eigenen Sexualität entspannt, setzt man sich selbst auch weniger unter Druck, und gewisse Themen werden gar nicht zum Problem.

Sie forschen und lehren in Neuseeland an der Universität von Auckland. Mit welchem Thema befassen Sie sich wissenschaftlich?
Sexualmedizinisch befasse ich mich zurzeit hauptsächlich mit der Genetik und Epigenetik von sexuellen Problemen. Also inwiefern man die Neigung dazu hat, eher unter Lustlosigkeit zu leiden und wie stark andere Faktoren wie Stress oder Unzufriedenheit in der Partnerschaft wirken. Gerade haben wir aber auch eine Studie eingereicht, in der wir die Nachfrage nach sexuell stimulierenden Medikamenten bei Frauen untersucht haben. Es geht also um die Frage, wie sehr ein solches Präparat überhaupt von Frauen gewünscht wird und was damit verbessert werden sollte: Orgasmus? Mehr Lust? Weniger Schmerzen?

Und, was wünschen sich Frauen?
Die Studie ist leider noch nicht publiziert, doch ich werde gerne in einer der Kolumnen näher darauf eingehen.

Sie sprechen von «weniger Schmerzen». Leiden Frauen beim Sex oft unter Schmerzen?
Das ist ein Thema, ja, und leider noch zu wenig erforscht. Hier interessiere ich mich speziell für die Schmerzchronifizierung, gerade auch bei Frauen, die unter Endometriose leiden. Es geht um die Frage, was die psychosozialen, aber auch biologischen Faktoren sind, welche eine Chronifizierung fördern. Das ist hoch spannend. So sind einige Menschen nach einer Operation schmerzfrei und andere leiden nach derselben OP noch Monate später unter Schmerzen.

Zurück zu Ihnen: Sie leben seit einem Jahr in Neuseeland. Wie lange noch?
Ich werde im Sommer zurückkehren. Es gefällt mir zwar gut, vieles ist stressfreier und gemütlicher und die Lebensqualität ist hoch. Mir persönlich ist das Leben in Neuseeland aber etwas zu langsam, auch fehlt mir die Kultur. Beruflich gesehen ist die Uni zu wenig mit Europa und den USA vernetzt, was Kollaborationen schwierig macht. Man muss mit viel weniger auskommen, auch was Forschungsgelder angeht, und das ist nicht immer einfach. Aber es ist definitiv eine gute Erfahrung, und ich bin dankbar, dass ich das Privileg habe, diese Erfahrung zu machen.

Sexualwissenschaftlerin Andrea Burri beantwortet einmal wöchentlich eine Leserfrage zum Thema Sexualität und Liebe. Diese wird vertraulich behandelt und ohne Namensnennung publiziert. Schreiben Sie uns auf sexologisch@tages-anzeiger.ch.