Mein Kind, der Beziehungskiller?

«Duraschnufa …»: Mit Kindern erweitert sich das Gefühlsspektrum deutlich – nicht nur nach unten. (iStock)

«Mama, stimmt das?», fragte mein Sohn am Sonntag im Zug und zeigte auf den Mann im Abteil nebenan, der Zeitung las. «Kinder machen unglücklich», stand auf der Frontseite der «SonntagsZeitung». Ich schüttelte den Kopf und legte den Arm um meinen Sohn.

Später las ich den Artikel online. «Nach der Geburt ist vor der Zerreissprobe», so der Titel. Also meine Zerreissprobe fand eigentlich nicht nach der Geburt statt, sondern direkt während: «Es reisst! Es reisst!», schrie ich die Hebamme an. Die griff beherzt in die Badewanne und schützte meinen Damm vor dem Rammbock in Form eines Babyköpfchens. Und ja, die Geburt meines ersten Kindes hat mein Leben verändert. Vielleicht bin ich heute nicht glücklicher, als ich es ohne Kinder gewesen wäre. Aber zufriedener und erfüllter. Doch jetzt mal der Reihe nach.

Komplizierte Dreiecksbeziehung

Im Artikel geht es um die Ergebnisse einer Nationalfonds-Studie zum Thema «Paare werden Eltern». Es werden zehn Fakten aufgelistet, warum ein Baby die Beziehung gefährdet. Keiner davon hat mich jetzt irgendwie überrascht. Ja, ein Baby ist eine Herausforderung für die Eltern. Oft zeigt sich erst nach der Geburt eines Kindes, ob ein Paar auch als Team funktioniert. Aus einer Liebesbeziehung wird eine komplizierte Dreiecksbeziehung – eine solche Konstellation stellt auch kinderlose Erwachsene vor Probleme. Der neue Erdenbürger ist für ein Paar ein Stresstest sondergleichen. Als Eltern hat man weder eine Probezeit noch ein Rückgaberecht. Und da ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass so ein Baby nicht nur das eigene Leben auf den Kopf stellt, sondern die Identität eines Paares verändert oder zumindest infrage stellt.

Einige Gründe, die junge Eltern unglücklich machen sollen, haben mich ein wenig irritiert. Zum Beispiel: «Geburtserfahrungen beeinträchtigen Männer.» Die Bilder der Geburt, die im männlichen Kopfkino immer und immer wieder abgespielt werden, können das Sexleben stören. Verständlich, dass man seinen Porsche nicht mehr in die Garage schieben will, die eigentlich ein Tunnel ist, durch den sich kürzlich ein kleiner Lastwagen namens Luca gequetscht hat. Aber ich persönlich kenne keinen Mann, der die Geburt seiner Kinder mit dem Kopf zwischen den Beinen seiner Frau verfolgt hat. Jede gute Hebamme sorgt dafür, dass der Mann seiner Frau Rückendeckung gibt – und so die blutigen Szenen in ihrem Scham- oder Bauchbereich gar nicht erst zu sehen bekommt. Mir kommen da übrigens ganz andere Bilder in den Sinn, die möglicherweise das Sexleben von Männern beeinträchtigen. Vielleicht ist Porno ja viel schlimmer als Plazenta?

Bei was auch immer der Mann zugeschaut hat: «Viele Paare empfinden ihr Sexleben in den Monaten nach der Geburt des Kindes als dürftig.» Um das herauszufinden, muss man wirklich keine Studie machen. Nach der Geburt interessierte ich mich nicht für Beischlaf, sondern für Schlaf. Nach den ganzen Strapazen empfing meine Vagina erst einmal keine Besucher. Sie musste sich erholen. Was mir ebenso logisch erscheint, wie wenn jemand nach einer Mandeloperation für eine Weile auf Chips, Curry oder Hotdogs mit Senf verzichtet.

Gleitcreme für mehr Glück?

Gemäss der Studienleiterin «wäre das Problem ganz einfach mit einer Gleitcreme zu beheben». Ein seltsamer Tipp. Wieso sollen Frauen ihre Scheide schmieren, damit in den Wochen nach der Geburt schmerzfreie Penetration möglich ist? Erstens ist Vaginalverkehr nicht die einzig mögliche Form von Sex. Zweitens ist es auch vollkommen okay, eine Weile gar keinen Sex zu haben. Und sich keinen Stress zu machen deswegen. (Die meisten kinderlosen Paare, die schon länger zusammen sind, haben übrigens auch nicht mehr Sex als junge Eltern.) Wichtig finde ich, dass man als Paar darüber spricht.

Und das scheint mir auch ausserhalb des Betts der wichtigste Tipp zu sein für Neueltern: Reden, reden und nochmals reden. Über Sex, Gefühle und Erwartungen. Über Haushalt, Jobpensum und Rollenverteilung.

Kinder sind keine Garantie für Glück. Ebenso wenig wie der Verzicht auf Kinder. Eine Familie zu gründen, ist ein Abenteuer. Und Abenteuer sind immer anstrengend. Für mich waren die Jahre, als die Kinder klein waren, durchaus entbehrungsreich. Aber meine Kinder haben mich noch keinen einzigen Tag unglücklich gemacht. Ich bin erfüllt von einer stillen Zufriedenheit, wenn ich meine kleine Familie betrachte. Mit den Kindern kamen auch Krisen, Momente der totalen Erschöpfung, die ich ohne Nachwuchs so bestimmt nicht erlebt hätte. Mein Gefühlsspektrum hat sich deutlich erweitert, seit ich Mutter bin – nicht nur gegen unten.

Zum Schluss das Ergebnis einer ganz persönlichen Studie: 8 von 10 Mal, wenn ich das Gefühl habe, mein Herz zerplatzt gleich vor Glück, hat das mit meinen Kindern zu tun.

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