Immer mehr Familien teilen statt kaufen

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Teilen macht mehr Spass: Kinder in einem Cargobike. Foto: wittco.gmbh (Flickr)

«Tüend doch bitte teile!» ist eine der meistgehörten Aufforderungen beim Sandkasten. Ein Kind, das seine Sändelisachen auch anderen zur Verfügung stellt, gilt als grosszügig und umgänglich, kleine «Alles meins!»-Spielzeugbewacher werden hingegen schnell als egoistisch und wenig sozial abgestempelt (lesen Sie dazu auch «Die 10 Spielplatz-Gebote»).

Während das Teilen bei Kindern also fix auf der Erziehungsagenda steht, spielte es bei uns Erwachsenen länger keine allzu grosse Rolle. Doch das ändert sich gerade ganz deutlich. Wir teilen unsere Wohnungen via Airbnb, unsere Autos über Car-Sharing-Dienste und sogar die Bohrmaschine über verschiedene Plattformen. Gerade Familien sind beim neuen Trend oft begeistert mit dabei, weil sie sich so Dinge für eine begrenzte Zeit besorgen können, die sie sich selber nicht leisten könnten. Oder die es sich nicht zu kaufen lohnt, weil man sie nur einmal braucht. Doch welche Plattformen und Dienste gibt es überhaupt und wie funktionieren sie? Eine Auswahl:

Alltagsgegenstände mieten

Auf Sharely kann ich fast alles ausleihen, was das Herz für einen Tag begehrt: Von der Kamera für den Kindergeburtstag (7 Franken pro Tag) bis zur Hüpfburg fürs Quartierfest (150 Franken). Suchen kann man nach Distanz zum eigenen Zuhause, schliesslich will niemand für den Camping-Kocher durch die halbe Schweiz fahren. Genauso einfach wie man mietet, kann man natürlich auch vermieten.

Auto vermieten

Dasselbe funktioniert mit dem Auto dank der Plattform Sharoo. Die Schlüsselübergabe entfällt, alles funktioniert via App. Und es gibt keine bösen Überraschungen, weil die Tankkosten im Mietpreis bereits enthalten sind.

Mit Teilen hat das nichts mehr zu tun, sondern eher mit Geldmacherei, mögen Kritiker solcher Plattformen einwenden. Ich denke, es ist eher eine Mischung aus beidem. Das grosse Geld wird niemand machen mit dem gelegentlichen Vermieten seiner Heissklebepistole. Aber er hilft vielleicht jemandem aus der Klemme, der einmal im Jahr eine solche braucht. Und: Man tut damit nicht nur diesem Menschen einen Gefallen, sondern verhält sich auch ökologisch sinnvoll, indem man Ressourcen teilt.

Gratis ausleihen


Wem die Geldmacherei zuwider ist, der ist bei Pumpipumpe richtig. Der Verein «setzt sich für einen bewussten Umgang mit Konsumgütern und mehr soziale Interaktion in der Nachbarschaft ein». Letzteres kommt gerade in grösseren Städten oft zu kurz – vielleicht ist Pumpipumpe deshalb in Zürich so verbreitet? So funktionierts:

Pumpipumpe verschickt gegen einen Unkostenbeitrag von 5 Franken ein Stickerset mit Bildern von Veloanhängern, Schlitten oder Lichterketten. Wer Gegenstände gratis ausleihen möchte, klebt die passenden Sticker an seinen Briefkasten. Damit nicht nur die direkten Nachbarn, sondern auch der Rest des Quartiers über das Angebot Bescheid weiss, sind alle markierten Briefkästen auf einer Karte online abrufbar.

Ausleihen und stehen lassen

Während Private im Kleinen teilen, machen Firmen, Städte und Thinktanks das im grossen Stil. Sehr oft drehen sich diese Projekte um Fahrräder – schliesslich will man nicht nur das Sharing promoten, sondern vor allem die Strassen freibekommen und die Menschen zu mehr Bewegung und einer umweltschonenderen Fortbewegungsart motivieren. In Zürich kann man bei den «Züri rollt»-Containern gratis ein Gefährt ausleihen. Neue Projekte gehen noch einen Schritt weiter:

Zurzeit läuft in Zürich ein Pilotprojekt der Mobiliar namens Smide. Zweihundert E-Bikes inklusive Helm hat die Versicherung in der Stadt verteilt, die man via App findet und mietet. Die ersten 20 Minuten sind gratis, danach muss man bezahlen. Der grösste Vorteil ist, dass man das Bike irgendwo innerhalb der Stadt abstellen kann. Man fährt also einfach von A nach B, stellt das Velo ab, sperrt es und muss sich nicht weiter darum kümmern. Perfekt, wenn man etwas spät aus dem Büro kommt und auf dem E-Bike ruckzuck in die Kita pedalen kann.

Lastenvelos mieten


Noch spannender für Familien ist das Projekt Carvelo2go, das die Mobilitätsakademie mit Unterstützung des Förderfonds Engagement Migros ins Leben gerufen hat. Hier können elektrische Lastenvelos für wenig Geld gemietet werden: Die erste Stunde kostet 5 Franken, danach sinkt der Stundenpreis erst auf zwei, später auf einen Franken. Was als kleines Pilotprojekt gestartet ist, hat sich mittlerweile bereits auf vier Städte ausgedehnt. 2017 sollen weitere dazukommen.

Die Carvelo2go-Verantwortlichen hatten beim Start nicht explizit die Familien als Zielgruppe im Kopf. «Eine erste Umfrage zeigt aber, dass mehr als die Hälfte der Nutzer als Haushaltsform ‹Paar mit Kindern› angeben», sagt Projektleiter Jonas Schmid. Zudem seien die Lastenvelos am häufigsten für Einkaufsfahrten (50 Prozent) und Kindertransporte (33 Prozent) genutzt worden. Schmid ist überzeugt, dass sich der Trend «Sharing» in den nächsten Jahren fortsetzen wird, gerade im Bereich Mobilität. Denn: «Das Teilen von Verkehrsmitteln bedeutet weniger Kosten, mehr Flexibilität und Multimodalität.»

Die Umfrage hat übrigens gezeigt, dass Frauen die Velos häufiger gemietet haben als Männer. Auch eine Studie des Gottlieb Duttweiler Instituts (GDI) besagt, dass Frauen generell mehr teilen als Männer. Das GDI ging zudem der Frage nach, welche Gegenstände wir eher teilen, welche weniger. Kurz zusammengefasst: Je höher der Wert einer Sache, sei dieser materiell oder immateriell, desto zurückhaltender sind wir beim Teilen. Und je stärker etwas mit unserer Haut in Berührung kommt, desto weniger gerne leihen wir es anderen Menschen aus. Weshalb Kopfhörer, Kleider und Bettdecken im Gegensatz zu Bohrmaschinen und Velos wohl nie den grossen Durchbruch haben werden auf Sharing-Plattformen.