Tipps für einen entspannten Familientisch

Heute nennt Ernährungsexpertin Marianne Botta die häufigsten Fehler am Familientisch und gibt Lösungsvorschläge. Die Expertin wird zudem zwischen 9 und 11 Uhr auf Ihre Leserfragen in der Kommentarspalte eingehen. Morgen geht Gabriela Braun der «Generation Körperwahn» auf den Grund. Am Donnerstag teilen unsere Mamabloggerinnen und -blogger schliesslich ihre liebsten Familienrezepte – und hoffen, Sie tun das auch. Gestern erschien von Nadia Meier «Vegane Ernährung ist nichts für Kinder»Beste Grüsse, die Redaktion.

baby Schoggiglace darf es ruhig mal geben, aber Süsses immer als Belohnung einzusetzen, ist keine gute Idee. Foto: nvainio, flickr.com[/caption]

Das gemeinsame Essen birgt meist viel Konfliktpotenzial; dabei machen Eltern stets die gleichen Fehler:

1. Eltern füttern ihr Kind lange, anstatt es selber mit Besteck essen zu lassen

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Könnte er es auch schon alleine? Foto: Leonid Mamchenkov, flickr.com

Wohl keine Mutter putzt gerne. Dennoch sollten Kleinkinder die Chance bekommen, selber mit dem Löffel zu essen, später auch mit Gabel und Messer. Das Hantieren mit Besteck muss ebenso geübt und trainiert werden wie das Gehen, das Sprechen oder das Fahrradfahren. Es fördert Studien zufolge sogar die motorische Entwicklung. Zudem gehören das Anfassen und das buchstäbliche Erfahren der Nahrung mit allen Sinnen dazu, damit ein Kind zu einem guten Esser wird.

So gehts besser: Bei motorisch schlechteren Kindern dürfen die Eltern beim Essen mithelfen, wenn die Kinder nach den ersten Bissen aufgeben, obwohl sie noch hungrig sind. Alle andern sollten mit Esslatz und unzerbrechlichem Geschirr nach Lust und Laune hantieren dürfen. Erst wenn Eltern den Eindruck haben, dass ihr Kind mit dem Essen nur noch spielt, sollte der Teller entfernt werden.

2. Eltern haben zu wenig Geduld

Kinder müssen neue Lebensmittel mindestens 10- bis 15-mal probieren, bis sie diese mögen. Je häufiger sie ein Lebensmittel zu sehen bekommen, desto besser gewöhnen sie sich daran und desto lieber essen sie es in der Regel später. Studien haben jedoch gezeigt, dass Eltern nach ein bis zwei, höchstens drei Versuchen aufgeben und das neue Lebensmittel ganz vom Speiseplan streichen, wenn es ein Kind nicht mag.

So gehts besser: Bieten Sie Ihrem Kind ein neues Lebensmittel immer und immer wieder an, im Abstand weniger Wochen. Es soll das Lebensmittel erst nur ablecken, in einem zweiten Schritt in den Mund nehmen und wieder herausnehmen und erst in einem dritten Schritt hinunterschlucken. Loben Sie das Kind nach jedem dieser mutigen Versuche und belohnen Sie es (Punktekarte, kleines Geschenk, wenn diese voll ist).

3. Eltern lassen sich am Familientisch auf Machtkämpfe ein

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Wer gewinnt? Foto: David Goehring, flickr.com

Und verlieren diese oft. Denn Kinder wollen von ihren Eltern vor allem eins: Aufmerksamkeit. Erhalten sie diese nicht auf positive Art in Form von Zuwendung oder Lob, fallen sie mit unangenehmem Verhalten auf. Denn ignoriert zu werden, schätzen sie gar nicht. Alle Eltern wissen wohl, was passiert, wenn ihr Kind mitten im Tischgespräch schreit: «Wähhhh, gruuusig, das esse ich nicht!» Sofort wenden die Eltern und grösseren Geschwister ihre Aufmerksamkeit ganz dem Kind zu. Das Kind hat sein Ziel, Aufmerksamkeit zu erhalten, voll erreicht.

So gehts besser: Wenden Sie sich Ihrem Kind zu, wenn es sich am Esstisch gut verhält. Loben Sie seinen geschickten Umgang mit dem Besteck, reden Sie mit ihm, sagen Sie ihm, dass Sie es geniessen, mit ihm zu essen. Verhält es sich schlecht, ignorieren Sie dies so gut wie möglich oder weisen es auf die bei Ihnen geltenden Tischregeln hin und ziehen entsprechende Konsequenzen. Je weniger Aufmerksamkeit ein Kind erhält, das sich unangemessen verhält, desto eher verleidet es ihm und desto weniger Machtkämpfe entstehen.

4. Mutter und Vater ziehen am Esstisch nicht am selben Strick

Da das Essverhalten sowie Ernährungsvorlieben und -abneigungen viel stärker vorgelebt als anerzogen werden, sind beide Elternteile, aber auch die älteren Geschwister, wichtige Vorbilder, die gnadenlos kopiert werden. Dabei übernehmen Kinder schlechte Gewohnheiten rascher als gute. Isst ein Elternteil keinen Salat, der andere aber schon, wird das Kind mit grosser Wahrscheinlichkeit auch keinen Salat mögen. Motzt der eine Elternteil an den schlechten Kochkünsten des andern herum, müssen sich Eltern nicht fragen, warum auch das Kind nur noch herummäkelt.

So gehts besser: Einigen Sie sich als Eltern auf Tischregeln, die Ihnen beiden wichtig sind. Zeigen Sie einander auf, wie wichtig es ist, dass Sie beide gute Vorbilder für ihre Kinder abgeben, und versuchen Sie, auf Verbesserungsvorschläge des Partners, der Partnerin einzugehen. Mag ein Elternteil oder ein älteres Geschwister etwas nicht, darf es nicht herummotzen.

5. Eltern trösten oder belohnen ihr Kind mit Esswaren

Es ist naheliegend und praktisch, einem Kind als Belohnung oder zum Trost etwas Süsses zu geben. Andererseits gewöhnt sich ein Kind rasch daran, sich immer mit etwas Essbarem zu belohnen, oder wenn es Trost sucht, noch schnell in der Bäckerei vorbeizugehen. Solche Verhaltensmechanismen sind auch bei Erwachsenen häufig, vor allem bei Übergewichtigen.

So gehts besser: Trösten und belohnen Sie Ihr Kind nur in Ausnahmefällen mit etwas Essbarem. Zeigen Sie ihm auf, dass es weit Schöneres gibt als Essen: beispielsweise, umarmt zu werden, Zeit miteinander zu verbringen, ins Kino zu gehen, miteinander zu spielen oder ein Gespräch, das zur Lösung des Problems führen kann.

6. Eltern zwingen ihr Kind dazu, den Teller leer zu essen

Früher, als Lebensmittel während des Krieges Mangelware waren, machte diese Regel Sinn. Ausserdem ist es verständlich, dass man teure Lebensmittel und Essensreste nicht fortwerfen möchte. Eltern sind zudem oft mit Sätzen ihrer eigenen Eltern gross geworden, wie: «Wenn du nicht aufisst, scheint morgen nicht die Sonne», oder «In Afrika verhungern Kinder, und du willst nicht aufessen!». Allerdings erreichen sie damit nur eines: Ihr Kind verliert über kurz oder lang das Sättigungsgefühl und wird langfristig sogar dick.

So gehts besser: Schöpfen Sie Ihrem Kind jeweils nur kleine Portionen, achten Sie darauf, dass die ganze Familie langsam isst. So ist die Chance grösser, dass sich das Sättigungsgefühl rechtzeitig entwickeln kann. Es ist ein Irrglaube, anzunehmen, dass Kinder, die selber schöpfen dürfen, ihren Appetit richtig einschätzen können. Sie müssen dies erst üben und sollten deshalb auch eine selbst geschöpfte Portion nicht aufessen müssen. Essensreste anlässlich von Buffets zeigen ja, dass auch Erwachsene ihren Appetit oft schlecht einschätzen können – wie sollten sie dies erst von Kindern verlangen? Vielleicht hat Ihr Kind aber auch schon zu viel gegessen und ist einfach schon satt, wenn es von der Schule nach Hause kommt.
Viele Schülerinnen und Schüler essen erst auf dem Heimweg den Znüni, weil sie während der Pause keine Zeit dafür hatten.

7. Eltern passen ihren Menüplan ganz an die Wünsche der Kinder an

Montags gibts Fischstäbchen, dienstags Spaghetti mit Tomatensauce, mittwochs Chicken Nuggets … Viele Eltern trauen sich nicht, neue Gerichte auf den Tisch zu bringen, und verzichten gar auf eigene Lieblingsgerichte. Doch der Geschmackssinn von Kindern wird in den ersten zehn bis zwölf Lebensjahren trainiert und passt sich an denjenigen erwachsener Personen an, damit sie später im Leben nicht als mäkelnde, «schnäderfrässige» Zeitgenossen anecken. Das geht nur, wenn Kinder normal und möglichst vielseitig essen lernen.

So gehts besser. Halten Sie sich an die Regel: Wer kocht, bestimmt, was auf den Tisch kommt. Je abwechslungsreicher gekocht wird, umso eher werden Kinder später zu Allesessern, weil sie sich an viele neue Geschmacksnoten gewöhnen. Bringen Eltern ein neues Gericht selbstbewusst auf den Tisch, wird es eher akzeptiert. Ausserdem dürfen Kinder bestimmen, wovon sie wie viel essen möchten. Hier ist eine bestimmte Auswahl auf dem Tisch besser als ein Eintopfgericht: Wenn Kinder gerne Rüebli essen, den Brokkoli aber nur probieren, ist das in Ordnung.

8. Eltern kochen nur, was sie selber mögen

Es ist nicht fair, wenn der kochende Elternteil nur das zubereitet, was er selber mag. Schliesslich ist es gut möglich, dass die Kinder etwas gerne essen, was die Eltern nicht mögen, Sushi beispielsweise, obwohl es ihre Mutter vor rohem Fisch ekelt.

So gehts besser: Was auch immer Sie nicht mögen: Kochen Sie es für die andern Familienmitglieder gelegentlich trotzdem. Schreiben Sie für jedes Familienmitglied eine Liste mit fünf Lebensmitteln, die nicht probiert und gegessen werden müssen, auch für sich selbst. Wenn Sie etwas kochen, das auf Ihrer Liste steht, müssen Sie dies auch nicht essen. Sie dürfen Ihren Kindern sagen, dass Sie diesmal auch das Recht haben, nichts zu probieren. Das ergibt mitunter lustige Situationen, wenn Ihre Kinder Sie dann doch mit guten Argumenten davon überzeugen möchten, etwas zu probieren.

9. Eltern haben Angst, ihr Kind sei zu dünn

Diese Angst ist nur selten wirklich begründet, denn nur gerade drei von hundert Kindern sind untergewichtig. Eltern scheinen das Gewicht ihres Kindes nur schlecht korrekt einschätzen zu können. Solange ein Kind auf «seiner» Grösse-Gewichtskurve weiterwächst, gedeiht es gut. Bei einem gesunden Kind dürfen Eltern davon ausgehen, dass es nicht freiwillig verhungert, auch wenn es mal ein Gericht ablehnt und mal weniger Appetit hat. Erst wenn weitere Symptome wie Müdigkeit, Blässe, Krankheitsanfälligkeit oder andere dazukommen, sollte Ihr Kind vom Kinderarzt abgeklärt werden.

So gehts besser: Wenn ein gesundes Kind nicht essen mag, was Sie gekocht haben, muss es ein Stück weit die daraus resultierenden Konsequenzen tragen. Es hat dann vielleicht etwas früher wieder Hunger und überlegt sich, ob es das nächste Mal nicht doch essen soll, was auf dem Tisch steht. Vielleicht bieten Sie Ihrem Kind in solchen Situationen an, noch etwas Brot oder einen Apfel zu essen. Je weniger attraktiv die Alternative zum von Ihnen gekochten und abgelehnten Gericht ist, umso eher sind die Kinder bereit dazu, doch zu probieren und zu essen. Ein Besuch bei der Kinderärztin kann Sie beruhigen, wenn Sie sich Sorgen um das Gewicht des Kindes machen.

10. Eltern verbieten ihren Kindern Süssigkeiten oder Mc-Donald’s-Besuche

Verschiedene Studien zeigten, dass Kinder diejenigen Lebensmittel besonders spannend finden, die ihnen vorenthalten oder verboten werden. Keine Frage, Fast Food ist auf Dauer ungesund und zu viel Zucker ebenfalls. In verschiedenen wissenschaftlichen Studien konnte aber festgestellt werden, dass genau diejenigen Kinder am liebsten und am meisten Süssigkeiten naschen, welche daheim am wenigsten davon erhalten. Ähnliches gilt für McDonald’s. Dieser Mechanismus wird «Käseglockenprinzip» genannt. Was unter der Käseglocke ist, von Kindern also angeschaut, aber nicht gegessen werden kann, wird später auf Anhieb lieber, häufiger und in grösseren Mengen verzehrt.

So gehts besser: Möchten Sie Ihre Kinder gesund ernähren, bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als ihnen einen mass- und sinnvollen Umgang mit ungesunden Lebensmitteln vorzuleben. Ganz nach dem Motto: Etwas Süsses pro Tag oder ein McDonald’s-Besuch pro sechs Monate sind okay, zu viel davon ist ungesund. Das Umkehrprinzip funktioniert aber ebenfalls. Probieren Sie einmal aus, wie Ihre Kinder reagieren, wenn Sie Gemüse für sich kochen und den Kindern nichts davon abgeben. («Der Blumenkohl ist momentan sooo teuer, dass ich ihn nur für uns Erwachsene gekauft habe, du darfst davon noch nicht haben.»)

11. Eltern machen sich rund um die Ernährung zu viele Sorgen

Eine ausgewogene Ernährung ist wichtig, aber nicht das Einzige, was Eltern für Ihre Kinder tun können. Genügend Bewegung zum Beispiel ist genauso notwendig. Es ist völlig normal, dass Kinder manchmal besser, manchmal schlechter essen und ihre schwierigen Phasen haben. Bis sich Ernährungsfehler gesundheitlich auswirken, dauert es lange.

So gehts besser: Bleiben Sie gelassen. Behalten Sie selber die Freude am Essen und Geniessen, denn auch diese wird vorgelebt. In der Regel kochen Sie spätestens in 20 Jahren nicht mehr regelmässig für Ihre Kinder; auch schlimme Phasen gehen vorbei und können sich mit zunehmendem Alter von allein verbessern. Ausserdem ist es nicht wirklich relevant, wenn ein Kind viele Früchte, dafür weniger Salat isst. Oder Käse und Joghurt bevorzugt, aber keine Milch trinkt. Es entwickelt sich trotzdem gesund.


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Marianne Botta beantwortet heute zwischen 9 und 11 Uhr Ihre Fragen.