Der Vater als Resteverwerter

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Und was übrig bleibt, das isst der Papa. Foto: Ambernectar 13/flickr

Ich weiss nicht, ob es allen anderen Vätern auch so geht, aber in meinem näheren Umfeld kenne ich keinen Mann mit Kindern, der in seiner Familie nicht die Funktion des Resteverwerters innehat. Als Resteverwerter kommt ihm die Aufgabe zu, das wegzuessen, was die lieben Kleinen liegen gelassen haben: hier ein paar Nudeln, da ein halbes Schnitzel und ja, selbstverständlich, immer wieder Gemüse. Die Brötchenhälfte, die den Zweijährigen genau in dem Moment nicht mehr interessiert, wo sie, ganz nach seinem Wunsch, fix und fertig auf seinem Teller liegt, soll auch nicht verkommen. Das schöne Essen. Kann ja keiner was dafür, dass sich der pausbäckige Tyrann mittlerweile für Müesli entschieden hat. Schliesslich würden sich irgendwo sehr viele Menschen über diese Brötchenhälfte freuen…

Findet zumindest die Oma, wenn sie bei uns zu Besuch ist. Da ihre Enkelkinder sich in jahrelangem Training gegen ihre gestrengen Blicke und Ermahnungen immunisiert haben und gar nicht einsehen, ihre Teller leer zu essen, wenn sie keinen Hunger mehr haben, wandert ihr Blick unweigerlich zu mir. Anschliessend werden mir die Reste mit dem Kommentar «Du isst das ja noch» zugeschoben. Das ist übrigens keine Frage, sondern eine Feststellung. Hunger oder gar Appetit spielen dabei überhaupt keine Rolle. Ich bin physisch in der Lage und qua Männlichkeit dazu ausersehen, mit den Resten fertig zu werden. Ist ja auch einfacher so. Kann gleich alles in den Geschirrspüler und nichts muss in die Biotonne. Ich bin nämlich die Biotonne. Und als solche habe ich nicht nur zu funktionieren, sondern darüber hinaus meine Aufgabe akzeptiert.

Warum sieht das nicht aus wie Pommes?!

Meine älteste Tochter ist jetzt elf. Wenn man annimmt, dass sie mit einem Jahr so richtig losgelegt und mein familiäres Umfeld ein weiteres Jahr gebraucht hat, um mich in mein Schicksal als Resteverwerter reinzuquatschen, dann bin ich seit neun Jahren Biotonne. Seit neun Jahren esse ich ständig, ohne richtig Hunger zu haben. Und zwar durchaus auch aus eigener Überzeugung. «Komm, die schaffst du doch», denke ich, während ich mir die leckeren Rosmarinkartöffelchen reinschaufle, die mein Jüngster am Grillabend mit Freunden verweigert, weil sie nicht exakt genauso aussehen wie Pommes. Der Vater, der mir gegenübersitzt und gerade verlauten liess, dass er pappsatt sei, vertilgt in atemberaubenden Tempo die übrig gebliebenen Bratwürste seiner Tochter. Wir beide verschwenden keine Sekunde an den Gedanken, dass wir nicht essen müssten. Wie selbstverständlich sind wir dazu übergegangen, die Reste zu verputzen, und finden es gut, dass es funktioniert.

Angemahnte Freiwilligkeit könnte man das nennen. Anschliessend sind wir beide stundenlang so vollgefuttert, dass wir uns kaum bewegen können. Und ich würde viele Rosmarinkartöffelchen und Bratwürste darauf verwetten, dass uns dabei das Gleiche durch den Kopf geht: «Warum hab ich bloss so viel gegessen?!» Und damit meinen wir absurderweise lediglich das, was auf unseren Tellern lag, weil wir gar nicht auf die Idee kommen, das andere dazuzuzählen.

Hallo, ich bin Nils, und ich habe ein Problem

Irgendwann bin ich dann doch dahintergekommen. In einem dieser Familienurlaube mit Verwandtschaft, wo die Tage in Mahlzeiten aufgeteilt werden: Frühstück, Mittagessen, Kaffee & Kuchen, Abendessen. Und zwar im Kleinkindertagesrhythmus. 18 Uhr Abendessen. Da fragt man sich auch ohne Reste nach dem Stück 16-Uhr-Torte, was das bitteschön soll. Zunächst habe ich es mir eingestanden: Hallo, ich bin Nils, und ich habe ein Problem. Anschliessend wurde die väterliche Biotonne ausser Betrieb genommen. Interessanterweise haben die Kinder darauf überhaupt nicht reagiert. Nur die Erwachsenen waren deutlich verunsichert. Frauen versuchten mit ihren Augen, die Reste telekinetisch in meinen Mund zu führen. Männer schnauften abschätzig und übernahmen meinen Anteil.

Inzwischen lasse ich ganze Mahlzeiten aus. Die Fragen «Willst du nichts essen?» und «Was ist mit dir?» bringen mich nicht mehr aus der Ruhe. Nein, ich will nicht. Ganz sicher kein Stück Torte, und wenn wir ausgiebig gefrühstückt haben auch kein Mittagessen. Ich will nicht reinhauen «wie ein Mann». Stattdessen warte ich ab, bis ich Hunger bekomme. Ganz was Neues.


Das ist die fiese Methode. Wenn da kein dritter Nachtisch mehr da ist, hat einer ein Problem… Quelle: Benjamin Kaul/Youtube

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