«I ha dr doch gseit, du söusch di häbe!»

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Bevors wehtut, warnen die Eltern, danach trösten sie. Das kann ganz schön anstrengend sein. Foto: Lance Shields, Flickr.com

Seit einigen Wochen hallt bei uns immer wieder ein «Richi! I ha dr doch gseit …» durch die Wohnung. Der Mann und ich rufen uns den Satz zu, meistens in nicht ganz so lustigen Momenten. Aber genau in jenen braucht man ja besonders viel Humor.

Wir nutzen dazu die ganz kleine Pause, die kleine Kinder machen zwischen dem Moment, in dem sie – wieder einmal – in die Tischkante gerannt sind und der darauffolgenden Sekunde, in der sie das realisieren: «Richi!» Dann geht es los mit Heulen und Trösten.

Warum Richi?

Richi ist der Sohn von Hermann und Christine Schönbächler, die mit der ganzen Familie in die Wildnis Kanadas ausgewandert waren und 2011 vom Schweizer Fernsehen für die Serie «Auf und davon» dort besucht wurden. Vater Hermann lässt den damals ca. 3½-jährigen Richi selbstständig aus dem Bagger klettern, was dann leider nicht problemlos klappt:

 

Nach der Ausstrahlung dieser Sequenz ging ein Aufschrei durch die Schweiz, man entrüstete sich über den groben Vater, seine anscheinend herzlose Reaktion. Gleichzeitig erhielt das Video Kultstatus, ebenso wie Hermanns Ausruf: «Richi, i ha dr doch gseit, du söusch di häbe!» («Richi, ich hab dir doch gesagt, du sollst dich festhalten!»)

Ich selber, damals noch knapp kinderlos, fand das auch total daneben. Das arme Kind, doch noch viel zu klein, um zu verstehen, was «halte dich gut fest» bedeutet! Aber stimmt das wirklich? Oder entscheiden sich Kinder einfach aktiv gegen unsere Ratschläge?

Einmal den Beschützerinstinkt ausschalten

Sobald das Kind lernt, sich selbst zu bewegen, besteht die Hauptaufgabe von uns Eltern grundsätzlich darin, zu verhindern, dass es sich in lebensgefährliche Situationen bringt. Wie oft wünscht man sich als Kleinkindeltern nicht eine Spiel-Gummizelle ohne Ecken und Kanten, wo man den Beschützerinstinkt kurzfristig ausschalten könnte? Wo das Kind sich einmal zehn Minuten lang nicht wehtun kann?

Mittlerweile sind meine Kinder zwei und vier Jahre alt. Regelmässig befinden sie sich jetzt freiwillig und gewollt in der Kamikaze-Zone, wollen austesten, was geht und was nicht. Gefahren einschätzen? Kompetenz gering. Gefahren suchen? Hell yeah! Oft kann ich gar nicht hinsehen, wenn sie uuuunbedingt vom Sofa Turmspringen üben wollen oder mit gefühlten 60 km/h einen Hang hinunterrennen.

Ob man sie machen lässt, liegt dabei natürlich im eigenen Ermessen. Bei mir direkt abhängig von meiner Nervenstärke. «Pick your fights» ist mein Mama-Mantra, und wenn man dann halt ums Verrecke unter dem Esstisch Fangen spielen muss – dann bitte, macht, wie ihr wollt. Aber passt auf die Köpfe auf!

Das Mitleid hält sich in Grenzen

Minuten später kollidieren Kopf und Kante dann natürlich doch – und ehrlich gesagt, mein Mitleid hält sich in Grenzen. Klar singe ich schnell ein «Heile-Heile-Säge», aber ohne Inbrunst. Irgendwo in meinem Hinterkopf hallt es: «Ich hab dir doch gesagt …», und gelernt hat die Lädierte jetzt auch noch etwas. Hoffentlich. Ich bin mir nämlich mittlerweile ziemlich sicher, dass meine Kinder wissen, was «pass auf» bedeutet. Und sich entscheiden, mich aktiv zu ignorieren.

Schon beinahe in waschechte Schadenfreude artet es aus, wenn ich etwas explizit verboten habe. Dann folgt Protest, Geschrei, der Versuch, hinter meinem Rücken doch den Bostitch aus dem Büro zu klauen, und natürlich klemmt sich der Amateurdieb dabei das Patschhändchen ein oder rennt davon und stolpert über sein Diebesgut. «Gott straft schnell», hiess es bei uns früher, oder «Wer nicht hören will, muss fühlen». Natürlich küsse ich pflichtbewusst auch dieses Händchen, aber mit einem Blick, den der Sohn schon zu interpretieren weiss: I ha dr doch gseit …!

Das schlechte Gewissen

Auch die (wahrscheinlich persönlichkeitsbedingt etwas raue) Reaktion von Richis Vater kann ich mittlerweile besser nachvollziehen. Tut sich eines meiner Kinder weh, kriege ich sofort ein schlechtes Gewissen (Immer. Auch wenn es selbst schuld ist, auch wenn die Schadenfreude im Nacken tanzt), und manchmal werde ich laut und wütend – auf mein Kind, weil es wieder nicht auf mich gehört hat und jetzt unnötig Tränen fliessen, aber vor allem und viel mehr auf mich selber, weil ich nicht besser aufgepasst habe.

Weil meine Hand nicht an der Tischkante war, die Schublade im Büro nicht abgeschlossen, weil ich entschieden hatte, den Downhill-Spurt zu erlauben und jetzt die Knie aufgeschlagen sind.

Bleibt die Frage, wo wir Eltern die Grenzen ziehen sollen und wie viel Verantwortung jedes einzelne Kind schon tragen kann. Das müssen wir selbst herausfinden – denn uns sagt es ja keiner.

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