«Das Problem liegt bei euch, liebe Eltern!»

BILD: RETO OESCHGER, ZÜRICH, 12.08.2016 RESSORT: BB Sefika Garibovic, Erziehungsexpertin Bellevue, Restaurant " Schiller " Sechseleutenplatz

Sefika Garibovic resozialisiert schwierige Jugendliche. Foto: Reto Oeschger

Problemkinder sind ihr Metier. Die Kinder und Jugendlichen, mit welchen Sefika Garibovic arbeitet, lügen, klauen, kiffen, schlagen, prostituieren sich. Sie gelten als schwer erziehbar und stehen meist schon jahrelang in Konflikt mit den Eltern, Lehrern und dem Gesetz. Sie gehen deswegen in Therapien, nehmen seit Jahren Ritalin, Concerta und andere Medikamente – und wohnen oft in Heimen.

Sozialpädagogin Sefika Garibovic trifft meist dann auf ihre jungen Klienten und deren Eltern, wenn kaum mehr etwas geht und die Jugendlichen als austherapiert gelten. Ihr Job ist es, die schwer erziehbaren Jugendlichen auf den rechten Weg zu bringen, sodass sie einen Platz in der Gesellschaft finden, eine Ausbildung machen, selbstständig leben und für sich sorgen können. Sie brauchen Halt und Orientierung, vor allem aber müssen sie die gesellschaftlichen Regeln kennen lernen. «Nacherziehung und Resozialisierung» sind gemäss Garibovic dabei ihre Hauptaufgaben. Denn schwierigen Kindern und Jugendlichen fehle es nicht an Therapien, so die Therapeutin. «Es fehlt ihnen vor allem an Erziehung.» Das eigentliche Problem liege deshalb nicht beim betreffenden Kind, sondern bei den Eltern: «Die meisten Kinder und Jugendlichen, die Probleme machen und mit den Anforderungen des Lebens nicht fertig werden, sind Opfer einer falschen oder überhaupt nicht vorhandenen Erziehung!»

Wie können «Problemjugendliche» vermieden werden?

Sefika Garibovic schont niemanden – am wenigsten die Eltern. Im Buch «Konsequent Grenzen setzen», das in den nächsten Tagen erscheint, beschreibt die Schweizerin mit montenegrinischen Wurzeln ihre Arbeit mit «Problemjugendlichen» und was ihrer Meinung nach im Elternhaus, aber auch in der Schule schiefläuft. Ich treffe die Sozialpädagogin zu einem Gespräch in einem Café. Auch wenn sie mit extremen Fällen zu tun hat und mit ihrer Haltung nicht unumstritten ist, so glaube ich, dass ihre Ansichten punkto Erziehung und Elternrollen interessant sind. Auf was sollen Mütter und Väter besonders grossen Wert legen? Wie können künftige «Problemjugendliche» vermieden werden? Und wie stellt sie es an, renitente Jugendliche mit 16, 17 oder 18 Jahren nachzuerziehen, sodass sie gesellschaftsfähig werden?

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Die charmant auftretende Frau macht klar, dass sie ihre Rolle in einer Mischung aus Vertrauter und Anwältin eines Kindes sieht. Sie kämpfe darum, ein Kind zu retten, «dafür setze ich mich mit allen Mitteln ein». Ihre Bedingung aber sei, dass sich alle anderen Therapeuten und Sozialarbeiter zurückzögen, wenn sie einen Fall übernehme. Sie setzt auf ein Einzelsetting statt auf einen Therapeuten-Pool. Weiter gilt: Stopp aller Medikamente (was nicht selten mit einem Entzug von z. B. Ritalin einhergeht) und eine starke Einbeziehung der Eltern. Hierfür wohnt der Jugendliche wieder zu Hause – und nicht in einem Heim.

Von den Eltern erwartet sie, genauso wie auch von ihren jungen Klienten, viel: «Sowohl das Kind als auch die Eltern müssen ihre Fehler erkennen und ihre richtige Rolle finden. Klare hierarchische Verhältnisse sind das A und O einer funktionierenden Beziehung.» Das ist nicht immer einfach. Die Eltern seien jahrelang davon ausgegangen, dass ihr Kind eine Störung habe oder «eben sehr schwierig oder krank» sei. Dass die Eltern für die Schwierigkeiten der Kinder mitverantwortlich sein sollten, «darauf kommen viele nicht».

Zu strenge Erziehung – oder gar keine

Die Hauptgründe vieler Probleme ortet die Expertin in zwei gegenläufigen Tendenzen in der Erziehung: «Entweder sind die Kinder Opfer einer zu strengen, kontrollierenden Erziehung. Oder sie werden Opfer einer Verwahrlosung – und werden dann einfach ans System abgeschoben; also an den Therapeuten, die Sozialarbeiter, Behörden.» Den Trend, auffällige Kinder und Jugendliche sehr schnell auf ihr Verhalten abklären zu lassen und in Therapien zu schicken, hält Garibovic für fatal: Man raube so einem Kind das Selbstwertgefühl, gebe ihm zu verstehen, etwas stimme mit ihm nicht. Viele Eltern wiederum würden die Auseinandersetzung und Arbeit mit dem Kind zu sehr an externe Fachkräfte auslagern. Das allerdings ist laut Garibovic ein Fehler, denn Eltern müssten für ihre Kinder geradestehen, sich für ihre Kleinen wehren und für sie einstehen. «Sie sollen sich für sie einsetzen.» Um das zu können, müssen sie sich aber auch für sie interessieren und sich mit ihnen auseinandersetzen.

Garibovic: «Sowohl die Eltern als auch die Schulen stehen in der Pflicht. Die Eltern sollen ihre Kinder erziehen, und die Schulen sollen bitte sehr kein Geschäft mit den Kindern machen.» Doch darauf laufe es hinaus, wenn Heilpädagoginnen in Schulen fest angestellt würden: Um diese auszulasten, überweise man jährlich die dafür notwendige Anzahl Schülerinnen und Schüler.

Das brauchen Kinder: Lesen Sie kommende Woche Teil 2. Tipps und Strategien, wie viele Probleme von Anfang an vermieden werden können.

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