Mit 7 schon in der Pubertät?

Trotzphase reloaded: Pubertierende im Mini-Format. (Flickr/Kevin Shorter)

Trotzphase reloaded: Pubertierende im Mini-Format. (Flickr/Kevin Shorter)

«Ich habe einen kleinen Teenie zu Hause.» Diesen Satz habe ich im letzten halben Jahr öfter gesagt, halb witzelnd, halb ernst. Denn tatsächlich hatte sich meine wundervolle Tochter ziemlich plötzlich ziemlich stark verändert. Sie war schon vorher gerne unterwegs, doch jetzt wollte sie an ihren freien Nachmittagen jeweils nach dem Mittagessen sofort zu einer Freundin verschwinden oder sie zu uns holen. Bloss nicht zu viel Zeit nur mit der Mutter und dem kleinen Bruder verbringen, «laaaaangweilig»!

Wenn es denn nur das wäre. Doch meine Kleine findet neuerdings ihre Familie nicht nur ein bisschen langweilig, sondern legt im Umgang mit uns zwischendurch auch ganz neue Verhaltensweisen an den Tag. Wenn ich ihr früher einen Wunsch abgeschlagen habe, folgte vielleicht ein bisschen Herumgejammere. Heute schmeisst sie mir schon mal ein «Blödes Mami» an den Kopf. Sie knallt Türen, spricht neuerdings Pausenplatz-Englisch («What the fuck!») und lässt sich bei ihrer Kleiderwahl gar nichts sagen, auch wenn es sich nur um temperaturbezogene Ratschläge handelt.

Ein typischer Teenie halt. Bloss: Sie wird erst sieben Jahre alt.

Willkommen in der Latenzzeit

Abnormal ist ihr Verhalten für dieses Alter dennoch nicht. Latenzzeit nennen das Experten, wenn die Kinder mit etwa sechs Jahren beginnen, sich wie Pubertierende im Mini-Format aufzuführen. Oder eben etwas umgangssprachlicher «Kleine Pubertät».

(iStock)

Erkennungsmerkmal Zahnlücke. (iStock)

Einige sagen, das Ganze stehe im Zusammenhang mit dem Zahnwechsel – es gibt sogar ein ganzes Buch zum Thema: «Wackeln die Zähne, wackelt die Seele». Barbara Wüthrich, Beraterin bei der Pro-Juventute-Elternberatung bestätigt, dass der Zahnwechsel Auswirkungen aufs Verhalten haben kann: «Da geschieht etwas, das man nicht selber beeinflussen kann. Zudem ist es ein klares Zeichen von Veränderung, von älter werden. Das kann das Kind verunsichern.»

Sie gibt aber auch zu bedenken, dass der Zahnwechsel oft mit dem Kindergarten- oder Schulstart zusammentrifft. Solche Übergänge seien immer herausfordernde Zeiten. «Die Kinder brauchen viel Energie, um sich in Schule oder Kindergarten von der besten Seite zu zeigen. Daheim wird dann losgelassen und sie greifen auf Kleinkindmuster zurück – Stichwort Trotzphase», sagt Wüthrich, «dies ist in der Pubertät tatsächlich ähnlich.»

Ommmm – es ist nur eine Phase

Ob die Zähne oder die Schule mit hineinspielen: Es geht einmal mehr ums Thema Ablösung. Die Kinder entwickeln sich enorm in dem Alter, werden motorisch geschickter, intellektuell reifer. Und wollen folglich noch selbstständiger werden, sich ein weiteres Stück von den Eltern entfernen und teilweise eben auch auf nicht so nette Art abgrenzen.

Das zu wissen, entspannt sofort: Es geht allen in mehr oder weniger starkem Ausmass gleich und – ommmmm – es ist nur eine Phase. Also ruhig bleiben, sich über die positiven Seiten des Entwicklungsschrittes freuen – selbstständigere Kinder bedeuten bekanntlich auch eine gewisse Entlastung für die Eltern – und auch Regeln überdenken und anpassen. Vielleicht ist das Kind jetzt zum Beispiel reif genug, die Freundin ganz alleine auf dem entfernteren Spielplatz zu treffen. Und: den Fokus auf die guten Momente legen und wegen der weniger guten in ruhigen Augenblicken das Gespräch mit dem Kind suchen. «Toll ist ja, dass sich beim Kind die Fähigkeit, im Nachhinein ruhig darüber zu reden, immer mehr entwickelt», so Wüthrich, «und dass die Kinder in diesem Alter je länger, desto mehr auch dazu bereit sind.»