Hört auf, schlecht über eure Kinder zu reden

Sprecht nicht über mich! Was unter Erwachsenen unhöflich ist, gilt auch für Kinder. Foto: iStock

Sprecht nicht über mich! Was unter Erwachsenen unhöflich ist, gilt auch für Kinder. Foto: iStock

Stellen Sie sich mal vor, Sie gehen mit Ihrem Mann ins Kino und treffen ein befreundetes Paar. Auf die Frage, wie es denn so gehe, antwortet Ihr Mann: «Nicht schlecht. Aber es ist grad ein wenig mühsam mit Sabine. Wenn sie von der Arbeit kommt, ist sie immer total auf den Felgen und motzt mich an. Und im Bett lief auch schon mehr, gell Sabine?!»

Oder überlegen Sie mal, wie es wäre, wenn Ihre Chefin im Team-Meeting sagen würde: «Also die Sabine macht mir ein wenig Sorgen im Moment. Sie ist einfach eine Minimalistin. Sie könnte viel mehr, wenn sie sich mal anstrengen würde.» Und diese Sabine, das wären übrigens Sie.

Als wäre das Kind nicht da

Das, was Sabine passiert, widerfährt vielen Kindern regelmässig. Wir Erwachsenen – Mütter, Väter, Grosseltern und Lehrpersonen – sprechen in der dritten Person über die Kinder, auch wenn sie neben uns stehen. Wie unangenehm das ist, merkt man spätestens, wenn man sich Beispiele wie oben beschrieben überlegt. Mit anderen Erwachsenen so umzugehen, würden wir uns nie erlauben. Mit Kindern aber schon. Wieso eigentlich?

Wahrscheinlich beginnt das dann, wenn das Baby noch ganz klein ist und der Mann von der Arbeit nach Hause kommt. Dann erzählt man: «Lino konnte nach dem Stillen kein Görpsli machen und hat den ganzen Nachmittag nur geweint.» Ähnlich tönt es später, zum Beispiel bei der Übergabe in der Kita: «Am Morgen hat Luisa mit der Brio-Bahn gespielt, am Mittag hat sie nur wenig Ebly gegessen, und am Nachmittag hat sie auf dem Spielplatz die anderen Kinder mit Sand beworfen. Das Gaggi war gelblich und sehr weich.»

Peinlich und erniedrigend

Das ist ja alles okay, solange die Kinder klein sind und noch nicht wirklich selber erzählen können. Befremdend finde ich aber, wenn ich Eltern über ihre älteren Kinder reden höre: «Alessia muss noch Hausaufgaben machen. Das geht sicher eine Stunde, so langsam wie sie rechnet.» Oder: «Also Felix freut sich gar nicht aufs Schullager, gell Felix? Seit der Trennung macht er eben nachts wieder ins Bett.» Oder: «Wow, Timea geht ins Judo? Also unsere Fiona ist total unsportlich.» Und das alles im Beisein der Kinder, die meist betreten danebenstehen und auf ihre Schuhe starren.

Schlimm finde ich erstens die erniedrigende Situation, in der die Vertrauensperson des Kindes anderen Menschen einfach so von den Schwächen und vermeintlichen Unzulänglichkeiten erzählt. Zweitens glauben die Kinder leider auch, was die Erwachsenen sagen. Die unbedachten Sätze der Eltern werden für die Kinder zu Wahrheiten. Wenn Alessia nur oft genug hört, wie schlecht sie rechnet, dann wird das irgendwann auch tatsächlich so sein. Und Felix wird im Schullager den Schlafsack nass machen. Und womöglich auch das Kissen.

Schweigen ist Gold

Ich versuche mich deshalb an die einfache Regel zu halten: Wenn ich nichts Gutes über mein Kind zu sagen habe, dann sage ich nichts. Jedenfalls nicht, wenn das Kind dabei ist. Diese Regel habe ich übrigens vor einigen Jahren für mich aufgestellt, als mein Mann eines Abends nach Hause kam und fragte, ob wir einen guten Tag gehabt hätten. Noch bevor ich antworten konnte, rapportierte mein Sohn: «Also Mama hatte heute ganz schlechte Laune, vielleicht ist sie am Zahnen.»