Wenn das Kind nur noch Englisch spricht

Verständigungsprobleme? Für Eltern ist es schwierig, wenn Kinder die eigene Sprache nicht sprechen wollen. Foto: didesign021 (iStock)

Verständigungsprobleme? Für Eltern ist es schwierig, wenn Kinder die eigene Sprache nicht sprechen wollen. Foto: didesign021 (iStock)

Letzte Woche in Amerika. Ich war zu Besuch bei einem alten Freund. Er ist vor 15 Jahren nach Los Angeles ausgewandert, hat in Hollywood Karriere gemacht und geheiratet. Schönes Haus. Grosser Grill. Neuer Pool. Lustig: Er liest immer noch Schweizer Zeitungen. Online. Den «Blick». Und den Tagi. Natürlich. Und es bricht ihm jedes Mal das Herz, wenn er von den Ferien in der Schweiz in den Golden State zurückfliegt. Beim BBQ, das Steak war totally awesome, erzählt er, dass sein Sohn aufgehört habe, mit ihm Schweizerdeutsch zu sprechen. Sich dieser exotischen Halskrankheit mit den einzigartigen Kratzlauten geradezu verweigere.

Ich fand das traurig. Der Sohn spricht weder die Sprache des Vaters (Schweizerdeutsch) noch diejenige der Mutter (Japanisch). Wobei das mit der Mutter so nicht stimmt. Die Mama hat zwar japanische Wurzeln, ist aber mit Sushi aus Mar Vista, Los Angeles, aufgewachsen. Asian American heisst das in den USA. Und wir sind beim Thema: Wie wachsen Kinder mit mehreren Sprachen auf? Wie geht das? Und wie sinnvoll ist es? Was nützt einem Jungen in Los Angeles Schweizerdeutsch, wo es nirgends Fondue gibt? Und wie sinnvoll ist es, einem Kind in der Fremde die eigene Muttersprache aufzuzwingen, statt den Fokus auf die Landessprache und die damit einhergehende erleichterte Integration zu legen?

Ich finde es sogar sehr sinnvoll. Ich wäre verdammt gerne zweisprachig aufgewachsen. Das hätte nicht nur meinen Job in der Text- und Übersetzungsbranche massiv vereinfacht, sondern auch die Ehe mit meiner Frau. Sie ist Italienerin, unsere Kinder wachsen zweisprachig auf. Und es funktioniert. Wir halten uns an die Opol-Regel (One Parent, One Language). Bei Papa betteln sie um Glace. Und bei Mama um Gelato. Erstaunlich, wie die Kinder schon von klein auf zwischen den Sprachen hin und her wechseln.

Vielleicht werden unsere Kinder dank der Mehrsprachigkeit anderen Sprachen und Kulturen offener begegnen und diese auch leichter adaptieren. Vielleicht enden sie aber auch als gespaltene Persönlichkeiten, die zwischen einem Teller Spaghetti und einem Caquelon Fondue verzweifelt nach Identität suchen. Glaube ich zwar weniger. Mit der Einschulung nimmt bei Kindern eine Sprache überhand. Die der Klassenkameraden. Das wird, muss aber nicht zwingend, die Landessprache sein.

Das Adaptieren der Landessprache gehört zu den heissen Eisen in der Politik: Sollen Ausländer in der Schweiz Deutsch sprechen? Auch mit ihren Kindern zu Hause? Oder anders herum: Würden Sie, wenn Sie auswandern, mit Ihren Kindern statt Schweizerdeutsch die Landessprache sprechen? Vielleicht aber wird Sprache auch überschätzt. Wie gern man einen Menschen haben kann, auch wenn man ihn überhaupt nicht versteht, wissen wir als Eltern doch alle. Schliesslich haben wir die ersten zwei Jahre nur «gaga» verstanden.