Denn sie sind die wahren Helden

Die Müllabfuhr als Highlight der Woche: Das Warten auf den grossen Auftritt. (iStock)

Highlight der Woche: Das Warten auf den grossen Auftritt der Müllmänner. (iStock)

Beim Abfall herrscht Begriffsvielfalt – wie beim Kerngehäuse des Apfels oder beim Anschnitt des Brots: Je nach regionaler Herkunft heisst es in manchen Familien eben Abfall oder aber Kehricht, Güsel, Ghüdder und so weiter. In unserer Familie sagen wir auf gut Deutschlanddeutsch «Müll». Das dekliniert sich wie folgt: Mülltonne, Müllmann, Müllauto.

Mögen Sie Müllautos? Dann ist die Chance gross, dass Sie entweder Kinder haben oder selber eins sind. Also ein Kind, nicht ein Müllauto.

Kürzlich habe ich dieses Video von zweijährigen Drillingen in den USA gesehen, die sich mit ihrer lokalen Müllabfuhr-Crew befreundet haben. Ich bin ja emotional stabil, aber da schoss mir vor Rührung das Wasser ins Auge.

Faszination Müllauto: Zweijährige Drillinge begrüssen ihre fleissigen Freunde. (Youtube / Inside Edition)

Im Video erkenne ich unseren Brecht wieder. Er ist gleich alt wie die Drillinge und ähnlich fasziniert von Müllautos und ihrer Besatzung. Er rennt los, wenn er sie kommen hört, und dann beobachten wir vom Fenster aus, wie seine Windeln im Lastwagen verschwinden. Der Brecht freut sich, ruft den Männern zu und winkt. Die rufen zurück und winken ebenfalls. Nachdem sie ihre Arbeit vor unserem Haus erledigt haben, winken sie dem Brecht vor dem Wegfahren noch einmal zum Abschied. Es ist das Highlight der Woche, und wir reden anschliessend noch lange darüber, was das Müllauto jetzt macht: wo es hinfährt und wie die Windeln als Strom wieder aus der Steckdose kommen. Gott sei Dank weint der Brecht inzwischen nicht mehr, wenn das Müllauto verschwunden ist.

Wir sind mit unserem Beobachtungsritual nicht allein. Auch die Nachbarskinder kommen mit ihren Eltern und Grosseltern aus den Häusern oder drücken ihre Nasen am Fenster platt. Und wer auf Youtube nach «Müllauto» sucht, staunt nicht schlecht: Geschätzte 80 Prozent der Videos haben einen Bezug zu Kindern. Die kindliche Faszination für Müllautos scheint ein universelles Phänomen zu sein.

Die Helden in Orange

Und sie färbt auf die Eltern ab. Ich spiele immer öfter mit Brechts Spielzeugmüllauto, das wir damals gekauft haben, damit er nicht mehr weint. Ausserdem stehe ich am Fenster und gucke dem echten Müllauto allein zu, wenn der Brecht am Abfuhrtag mal nicht zu Hause ist. Zwar winken die Männer dann nicht, aber dafür geniesse ich die meditative Wirkung des Schauspiels: Ein Ballett aus Säcken und Containern, die unter der Regie routinierter Hände das Müllauto mit Futter versorgen. Das entspannt mich für den Rest des Tages.

Natürlich habe ich Respekt vor diesem Job. Die Herren – und bestimmt gibt es ausserhalb unserer Sammeltour auch Frauen – leisten harte Akkordarbeit. Ihre Arbeitsabläufe sind auf Effizienz getrimmt – bestimmt von einem studierten Bürositzer wie mir, der die Tour so plant, dass dem Personal permanent der Zeitdruck im Nacken sitzt. Zu den Tücken des Wetters gesellen sich Staub und Gestank. Als Eltern wissen wir schliesslich, dass 90 Prozent der Haushaltabfälle aus vergärten Windeln bestehen. Windeln, die der Hydraulikschieber des Müllautos im Dutzend zerfetzt. Man will es sich gar nicht vorstellen.

Wo Arbeit noch Arbeit ist

Und trotzdem keimt in mir auch eine Faszination für das Berufsbild des Müllmanns auf – oder der «Fachkraft für Kreislauf- und Abfallwirtschaft», wie der Ausbildungsberuf in Deutschland heisst (über die Schweiz hat mir Wikipedia keine Auskunft gegeben). Manchmal sehne ich mich nach einer Tätigkeit, bei der Arbeit noch Arbeit ist. Nach einer Aufgabe, die der Gesellschaft dient. Und nach einem Job, der ein ungeheuerlich hohes Ansehen geniesst. Manchmal wäre ich auch gerne so ein Held in Orange, auf den die Kinder warten, um ihn bei der Arbeit zu bejubeln. Aber erstens wäre ich wohl ein schlechter Müllmann, und zweitens musste ich ja unbedingt einen Beruf wählen, in dem man Konzepte schreibt. KONZEPTE! Damit wird der Brecht im Kindergarten nie punkten können.