Keiner zu klein, ein Künstler zu sein

Kinder sind neugierig und verfügen über eine immense Fantasie. Dafür fehlt aber oft der Freiraum. Der Himmel muss blau sein, das Gras grün – schnell erfahren die Kleinen durch die Vorstellung der Erwachsenen, was richtig und was falsch ist. Das nimmt ihnen nicht nur die Freude am Gestalten, sondern lässt sie auch an sich selbst zweifeln.

Dabei ist es wichtig, dass sich Kinder künstlerisch ausdrücken können – sie lernen durch Bewegung, durch Anfassen und Spüren. Das gilt nicht erst für Schulkinder: Schon Babys lieben es, sich künstlerisch zu betätigen (auch wenn man es vielleicht nicht so bezeichnen würde). Und nicht zuletzt gibt es kaum ein besseres Beschäftigungsprogramm für die Kleinsten.

Evelyne Brunner führt ein Kinderatelier. Foto: PD

Evelyne Brunner führt ein Kinderatelier. Foto: PD

Wir haben Evelyne Brunner*, Gründerin des Offenen Kinderateliers in Bern, um zehn Tipps gebeten, mit denen Eltern ihren Kindern Anregungen und sinnliches Material zum Gestalten bieten können. Im besten Fall bescheren sie der ganzen Familie eine ruhige halbe Stunde. Einfach das Bad und die Wäsche hinterher mit einplanen!

  1. Wie Sand am Meer

    Eine Kiste oder Wanne mit Quarzsand füllen (erhältlich in Do-it-Läden). Ist die Wanne sehr gross, kann das Kind mit rein, dann ists quasi ein Sandkasten, sonst kann es von aussen reingreifen und mit verschiedensten Utensilien wie Joghurtbechern, Stäben, Bürsten oder einem Küchensieb das faszinierende Rieseln erfahren. Für drinnen: Den Boden zur Sicherheit grossflächig mit Plastikfolie abdecken. Und Besen oder Staubsauger bereithalten!

  2. Knete her!

    Babys stecken alles in den Mund. Knete mit problematischen Zusatzstoffen kommt für sie deshalb nicht infrage. Aber es gibt eine ungiftige, günstige Alternative: Knete aus Lebensmitteln selber machen. Ein Rezept findet sich hier. Mit Gegenständen aus der Küche wie der Knoblauchpresse oder einem Eierschneider macht es noch viel mehr Spass.

  3. Der Ton macht die Musik

    Wer Knete nicht selber machen mag, besorgt sich im nächsten Töpfergeschäft etwas Ton. Er fühlt sich grossartig an, kostet wenig, hält bei guter Aufbewahrung (in ein feuchtes Tuch eingewickelt) ewig. Zudem ist er völlig natürlich, schliesslich ist es nichts anderes als Erde. Ein weiterer Vorteil gegenüber Knete: Sollte das Kind tatsächlich ein Kunstwerk hervorbringen, kann man es trocknen und sogar brennen lassen.

  4. Richtig schön tafeln

    Tafelfolie (gibts im Do-it-Laden) auf einen pflegeleichten Boden kleben, Strassenkreide dazu – und fertig ist die Wandtafel fürs Kind, das für eine richtige noch zu klein ist oder vielleicht noch nicht einmal stehen kann. Ebenso eine probate Alternative zum Strassenkreidelen bei Hudelwetter.

  5. Zukleistern

    Kleister anrühren und mit wasserlöslicher Farbe wie Gouache einfärben. Kleister besteht aus Stärke und ist normalerweise recht harmlos. Die schön klebrige Konsistenz der Farbe regt zum Spielen an. Drinnen: Zimmer (oder Balkon) mit Packpapier auslegen, dann kann sich das Kind mit ganzem Körpereinsatz betätigen.

  6. Erbsenzähler

    Ein Hoch auf die Ideen von Maria Montessori: Trockene Lebensmittel wie z.B. Reis, Erbsen, Bohnen oder Pasta in ein Becken geben, dazu unterschiedliche Behälter zum Umschütten. Das Kind trainiert seine Feinmotorik und übt, seine Umgebung zu gestalten.

  7. Legale Graffiti

    Aus einer gewöhnlichen Sprühflasche wird (für schon etwas grössere Kinder) ein tolles Malgerät: Etwas Wasser mit Gouache einfärben, das Kind in sprühresistenter Umgebung beispielsweise auf Packpapier sprühen lassen, Kamera bereithalten: Jöö! Sein erstes Graffiti!

  8. Schäume sind Träume

    Das Kind beaufsichtigt mit Rasierschaum spielen lassen. Die Konsistenz ist extrem interessant. Allerdings ist auch hier die Verlockung gross, einen Schaumball in den Mund zu stecken – keine gesunde Idee. Grössere Kinder verstehen das schon besser.

  9. Die Kohle stimmt

    Kohle, zum Beispiel aus dem Künstlerfachgeschäft, ist ein tolles erstes Malgerät: Färbt auch ohne grossen Druck stark. Für die geeignete Unterlage und unempfindliche Kleidung sorgen – und los.

  10. Spuren hinterlassen

    Die Natur hält die besten Spielsachen bereit: Aus Steinen, Moos und Schwämmen lassen sich Stempel und Pinsel fertigen, mit denen das Kind aus Gouache-Farbe interessante Spuren hinterlassen kann. Hoffentlich nur an der vorgesehenen Stelle.

* Evelyne Brunner (32) leitet das offene Kinderatelier im Berner Weissenbühlquartier. Sie ist diplomierte Kleinkindererzieherin und verfügt über ein Certificate of Advanced Studies (CAS) zum Thema «Kulturelle Bildung im Elementarbereich».

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19 Kommentare zu «Keiner zu klein, ein Künstler zu sein»

  • Reisschüssel sagt:

    Herr Örensohn. Ich bin 1985 geboren, wäre niemals eine derart gute Grafikerin (inkl. Matur) wenn mich meine Mama nicht behaupten lassen hätte das Kastanien Igel sind & das Moos im Wald meine Badeschwamm der auch im Lavabo seinen Zweck erfüllt. Habe nun selbst ein Kind & lasse es einfach mal Kind sein. Basta. Die Formel für den goldenen Schnitt wird meine Tocher früh genug lernen!

  • 13 sagt:

    Schön geschrieben. Unsere Kita folgte jeweils den gleichen Grundsätzen. Wir hatten auch ein Elternabend zum Thema Kinder und Kunst, war sehr spannend. Den Tipp mit der Tafelfolie klaue ich gleich fürs neue Kinderzimmer.

  • Synn sagt:

    Sand im Haus? Over my dead body!

    • tststs sagt:

      Nono, Staubsauger over the sand… 😉

    • M. Schneider sagt:

      es geht auch mit Reis! wir haben unseren Söhnen, die extrem gern mit Baggern, u.a. Bau- und Landmaschinen spielten, eine Wanne damit gefüllt und da konnten sie im Winter/Regenwetter stundenlang rumbaggern. war zwar keine Kunst, aber es hat Spass gemacht 🙂 die paar Reiskörner ausserhalb sind im Nu eingesaugt

  • Anna sagt:

    Ich arbeite auch in einem Kinderatelier und erlebe täglich wie die Bezugsperson die Kinder unter Druck setzt mit Sätzen wie: was machsch jetz? Lueg eso muesch! Due jetzt afange! Nei nöd eso! Was isch das?
    Du muesch öppis richtigs mache, sust gömmer widär!
    Dabei können wir Erwachsenen in Sachen künstlerischer Ausdruck viel von Kindern lernen.

    • Sven Örensohn sagt:

      Kommt doch auf das Alter an, solche Sätze fallen bei uns auch.
      „Lueg esi muesch“ -> Die Eltern ringen verbesserungen ins Spiel, welche das Kind lernen kann.
      „was machsch jetz?“ -> Gute Frage darf man nicht mehr fragen, wenn etwas spanisch vorkommt?
      „Due jetzt afange! “ -> Das Kind albert herum, wegen dem ist man ja nicht gekommen.
      „Nei nöd eso! “ -> Eltern bringen verbesserungen ins Spiel
      „Was isch das?“ -> Eltern geben dem Kind zuerklären was es gemacht hat.

      Kunst und Erziehung sind wohl zwei verschiedene Sachen, Erziehung und Bildung ist den Eltern wichtiger als Kunst. Kunst ist sowiso etwas was niemand mehr definieren kann. Auch hier kommt wieder die 68er Ideologie zu tragen, die bösen Eltern und das arme Kind. Toll nicht wenn man solche Schemas hat.

      • 13 sagt:

        Was haben die 68er damit zu tun, wenn man nicht der Ansicht ist, dass Kinder Marionetten sind, die man formen muss und sie dann genau das tun müssen, was den Eltern wichtig ist? Eltern sind für Kinder sehr wichtig. Sie sollten ihnen einen Rahmen geben und die Möglichkeit sich darin selber zu entfalten. Ich will auch im Geschäft Mitarbeiter, die mitdenken, Ideen einbringen und auch dann anpacken, wenn ich nicht daneben stehe und sage: „So, mach jetzt XY.“. Und wo soll man das lernen als in der Kindheit?

        Sie sprechen von Verbesserungen. Aber wissen es die Eltern wirklich besser? Vielleicht glauben es die Eltern zu wissen, dass der Himmel blau ist, aber wissen nicht, dass kurz zuvor ein Marsmobil explodiert ist und alles grün gefärbt hat? (Erklärung meines Sohnes, 5, zum grünen Himmel)

      • Sven Örensohn sagt:

        @13 naja Sie sind genau im Schema der 68er, wer nichts so denkt wie ich ist böse. Schwarz-Weiss Denken, Kinder müssen tun was Erwachsene sagen, Kinder sind Marionetten, etc.! Bei ihnen in der Kita müssen die Kinder auch machen was sie wollen, nur so zum Thema Regeln und wehe Jemand hat eine andere Meinung (Thema Wutbürger). Ich ziehe nur Gesellschaftliche Parallelen und die sind einfach erklärt.

  • tststs sagt:

    Es muss nicht unbedingt unter dem Titel „Kunst“ laufen, aber der Text spricht ein wichtiges Thema an: Haptik/haptische Erfahrung.
    Ich habe manchmal das Gefühl (meine subjektive Wahrnehmung), dass Eltern ihren Kindern diese wichtigen Erfahrungen immer mehr vorenthalten. Lieber füttert man sie, anstatt nachher die Sauerei aufzuputzen; lieber hält man sie still auf dem Sitz fest, man könnte ja die Mitmenschen belästigen; lieber das Pad touchen, als draussen im Matsch wühlen… und wenn man dann draussen ist: Duesch ufpasse, dass die schöne Chleider nöd dräckig werded…

  • Sven Örensohn sagt:

    „schnell erfahren die Kleinen durch die Vorstellung der Erwachsenen, was richtig und was falsch ist. “

    Ich finde es auch falsch, dass wir Eltern/Erwachsene den Kindern unsere Vorstellungen einer Welt vermitteln. Es geht auch anderst frei sein und einfach über die Strasse laufen ohne Luege, Lose, Laufe. Warum halten sich Kinder an die Vorstellungen der Erwachsenen, dass wir Menschen nicht fliegen können? Lasst euren Kindern den glauben und bringt sie auf einen hohen Turm. Man sieht auch wie schlimm die Schulen sind, nur die Vorstellung des Lehrers ist richtig, lasst den Kindern die Phantasie und Freiheit 2+2=4 aber warum nicht 2+2=9, so sind die Kinder dann besser aufs Gymi vorbereitet.

    • Annika sagt:

      Ich glaube, im Text geht es um die Entwicklung der Kreativität und da gibt es kein richtig oder falsch. Wenn die Eltern bei den kreativen Prozessen zu sehr involviert sind und den Kindern vermitteln, dass es nur eine („richtige“) Art von Zeichnen gibt oder eine bestimmte Art, wie sie mit den Bastelmaterialien umgehen, kann das kreativitätshemmend sein. Die Kinder gestalten dann nicht mehr nach ihrer Phantasie und ihrem Gefühl sondern versuchen das zu machen, was von den Eltern/Lehrern erwartet wird.

      • Sven Örensohn sagt:

        Dadurch wird aber auch eine höhere Qualität erreicht und ist im späteren Berufsleben genauso. Neue Inputs zugeben wie man etwas verbessern kann oder neue Ideen ins Spiel bringen ist doch niemals schlecht. OK ich gebe ja zu ihre Generation ist der Ideologie aufgewachsen das die Eltern für die Kinder schlecht sind, das heisst aber nicht das dies richtig ist.

  • Sven Örensohn sagt:

    „schnell erfahren die Kleinen durch die Vorstellung der Erwachsenen, was richtig und was falsch ist. Das nimmt ihnen nicht nur die Freude am Gestalten, sondern lässt sie auch an sich selbst zweifeln“ Die bösen Eltern, dabei lernen doch Kinder in dem sie von Eltern zurchtgewiesen werden. Sagt mein Kind „Löwe“ und zeigt auf den Elefanten, dann sage ich „nein ein Elephant“. sonst lernen die Kinder ja nichts.

    „Dabei ist es wichtig, dass sich Kinder künstlerisch ausdrücken können – sie lernen durch Bewegung, durch Anfassen und Spüren“ Was lernen sie dabei????

    Man muss die Kinder eben nicht nur machen lassen, sondern ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen, sonst wären die Verwahrlosetsten Kinder die besten Künstler. 🙂

    • 13 sagt:

      Sie lernen, wie sich der Sand anfühlt, riecht, schmeckt. Und noch vieles mehr. Es ist eher der Stolz uns Erwachsenen, der es nicht zulässt, dass wir uns eingestehen, dass sie dadurch mehr lernen, als wenn wir sagen: „das ist Sand. Er ist körnig und kalt und schmeckt grusig!“

      • Sven Örensohn sagt:

        Falsch Kindern lernen nur im beisein der Erwachsenen, den sonst würden sie nicht eine Schule besuchen die von Erwachsenen geleitet wird. Kinder lernen nur mit Erwachsenen, wissen sie die Hände in den Sand drücken können alle Kinder, aber ausdrücken wie der Sand ist und komplexe figuren machen, das können sie nur wenn es die Erwachsenen ihnen beibringen. Sie haben auch von den Erwachsenen Menschen gelernt sonst wären sie nicht hier. Eltern bringen neue Ansichten ins Spiel und somit die Grundlage für neue Ideen. Eltern sind die Basis für Vielfaltigkeit der Kinder.

      • 13 sagt:

        Völlig falsch. Erwachsene können Vorbilder sein, was zum Lerneffekt viel beiträgt, aber lernen tun Kknder erst durch ausprobieren. Moderne Schulen zielen auch dahingehend. Erwachsene überschätzen sich oftmals völlig durch den Gedanken, dass sie es sind, die alles den Kindern beibringen müssen.

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