5 Therapeuten-Sätze im Praxistest

Kann man überhaupt lernen, «richtig» zu streiten? Szene aus dem Film «Silver Linings Playbook» mit Jennifer Lawrence und Bradley Cooper. Foto: PD

Kann man überhaupt lernen, «richtig» zu streiten? Szene aus dem Film «Silver Linings Playbook» mit Jennifer Lawrence und Bradley Cooper. Foto: PD

Irgendwie schläft einem schon das Gesicht ein, wenn man es nur hört: Therapeuten haben wieder mal herausgefunden, wie Beziehung geht. Aha. Danke. Und wie man streiten soll. Ah so. Das ist schön und steht in jeder Zeitung und jedem Heftli und jedem Blog und jetzt auch in diesem.

Gerne fasse ich Ihnen hier ein Müsterli eines solchen Artikels zusammen, so als gemeinsames Erlebnis quasi. Es stammt aus der «Huffington Post». Dabei wurden die Leser(innen) (ja, auch mit so Genderfragen bin ich heute anständig, aber nur einmal, das gilt dann für immer) nach ihren fünf Streitknackpunkten befragt und Beziehungsexperten durften dann ihren Senf dazugeben. Ich bin mir bewusst, dass die Tipps eigentlich gut sind. Aber sie haben eben auch ihre Haken. Und die interessieren mich ebenso wie ihre Vorteile.

1. Nicht darüber diskutieren, wer recht hat und wer nicht

Es gehe um zuhören und verstehen. Das gebe beiden einen Freiraum, in dem er oder sie ausdrücken kann, was sie oder er denke und fühle. Das Ziel sei nicht, sich einig zu werden, sondern einander einfach zu verstehen. Das verbinde, statt zu trennen.

Das ist eine sehr hübsche Vorstellung. Tatsächlich kann es auch funktionieren. Aber es gibt auch einfach Dinge, bei denen man recht hat. Punkt. Und da gibt es keine Kompromisse und es reicht auch nicht, sich einfach zu verstehen. Ein Beispiel? Es nützt mir herzlich wenig, wenn ich verstehe, warum niemand in meiner Familie es für nötig befindet, seine Schuhe zu versorgen. Es ist auch schön, wenn mir alle mit Rehaugen zuhören, wenn ich ihnen erkläre, wie viel es mir bedeutet, dass ich mir nicht dreimal am Tag fast das Genick breche beim Heimkommen. Wenn es nicht gemacht wird, wird es nicht gemacht und es nervt. Geht nicht. Punkt.

2. Wenn der Partner beim Streiten kindisch ist

So im Stil: «Aber du hast auch, nämlich immer und sowieso.» Dann solle man eben verstehen, dass der Partner keine reifen Kommunikationskompetenzen entwickelt hat. Und Dinge sagen, wie «Du, das verstehe ich jetzt nicht ganz, das verwirrt mich.»

Mal ehrlich: Möchte ich wirklich mit einem Menschen eine Partnerschaft führen, den ich wie ein kleines Kind behandeln muss? Nein. Oder der mich wie eines behandelt? Auch nein. Selbst wenn ich zugeben muss, dass ich manchmal durchaus eines bin. Ich arbeite dran. Aber bestimmt nicht, indem mein Mann mit mir spricht, als wäre ich auf dem Entwicklungsstand einer Fünfjährigen. Das hat höchstens zur Folge, dass ich noch weiter regrediere, bis ich auf dem Niveau eines Tyrannosaurus Rex angekommen bin.

3. Wenn man viel zu schnell auf hundert ist oder zu nah am Wasser gebaut

Der-die-das Therapeut scheibt dazu, dass das völlig in Ordnung sei so und man nicht böse auf sich sein solle deswegen. Man sei nämlich nur unsicher und solle das dem anderen sagen und Simsalabim … ist es gut.

Die Frage ist, ob es ihn noch interessiert, nachdem man ihm wegen Naturell und Unsicherheit und so eine ganze Familie von Schlötterlingen angehängt hat. Mit 90 tränennassen Dezibel. (Falls nein: alles Verständnis der Welt.)

4. Wenn man zu passiv ist und nur lächelt und Ja und Amen sagt, wenn der andere einem eine Szene macht.

Das sei eine ausgezeichnete Methode, eine Eskalation zu verhindern, aber man müsse schauen, dass man dabei nicht am eigenen Ärger ersticke.

Hat was. Was der Therapeut hier nicht sagt: Es ist auch eine wunderbare Art, den Partner zu schwächen und zu beschämen, indem man sich ständig so verhält, als wäre man völlig ungerührt und kontrolliert und durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Kann drum eine sehr harte Masche sein und der Ja-und-Amen-Sager steht dabei erst noch als schaurig netter Mensch da. Übe ich übrigens grad. So seit rund fünfundvierzig Jahren. Nach weiteren fünfundvierzig Jahren bin ich dann auch meisterlich darin. Wenn ich nicht vorher an einem Herzinfarkt gestorben bin, weil ich wieder so blöd unbeherrscht war.

5. Was tun, wenn man immer wieder über den gleichen Quark streitet?

Der Therapeut rät dazu, sich selbst zu hinterfragen. Wer, wenn nicht, wenn ja und warum und so. Sie kennen es.

Bringt nichts.

Nun, was sollen wir jetzt mit all diesen Infos anfangen? So schlecht sind sie ja nicht und ich bin auch kein Paartherapeut – ich und alle Paare danken es dem Herrgott. Aber immerhin bin ich seit zwanzig Jahren Part eines Paars.

Ich glaube, dass es vielleicht nicht so wichtig ist, zu untersuchen, wie man streiten soll. Und auch nicht, wie man nicht streiten soll. Sondern, was man mit den Phasen dazwischen anfängt. Da setze ich auf Lachen und Liebe. Damit kommt es wie von selbst, dass man auch mal in Friedenszeiten darüber reden und scherzen kann, wie man streitet und zusammen abmachen, wie man es damit halten will. (Ja und sogar während eines Streites über sich selbst lachen, weil man es wieder mal überhaupt nicht packt.)