Ade Fantasiewelt

Sie befindet sich noch in einer wunderbaren kindlichen Fantasiewelt. Doch wie lange noch? Foto: Getty

Sie befindet sich noch in einer wunderbaren kindlichen Fantasiewelt. Doch wie lange noch? Foto: Getty

Vor kurzem habe ich mit meinen Kindern einen Event besucht, an dem zwei Fantasiefiguren die Hauptrolle gespielt haben: ein Waldmann und eine Waldfee, beide gespielt von Erwachsenen. Die Figuren waren weder geschminkt noch übermässig verkleidet, doch sie verkörperten ihre Rolle perfekt. Mein vierjähriger Sohn war sofort verzaubert. Meine Tochter hingegen, schon bald sieben Jahre alt, war hin- und hergerissen: Sollte sie den Erwachsenen glauben, dass das echte Waldbewohner waren? Oder war das alles nur eine grosse Lügengeschichte?

Die Vorstellung, eine echte Waldfee zu treffen und mit ihr zu tanzen, begeisterte sie offensichtlich. Sie wollte daran glauben. Doch ihr Verstand schien ihr dazwischenzukommen, und so suchte sie wie eine Detektivin nach Beweisen, welche die Echtheit der Fee widerlegen würden: «Ihr weisses Kleid ist so sauber, die kann unmöglich im Wald wohnen», sagte sie. Oder sie fragte mich, ob der Blumenkranz auf dem Feenkopf aus echten Blumen gemacht sei. «Ich glaube, das sind Kunstblumen», antwortete ich, was in ihren Augen ein weiterer Beleg dafür war, dass die Fee nur ein verkleideter Mensch sei. Denn welche Waldfee würde sich den Kopf schon mit Plastikblumen schmücken?

Die ersten paar Stunden verzweifelte sie fast ab ihrer inneren Zerrissenheit, entschuldigte sich sogar dafür, dass sie einfach nicht daran glauben könne. Bis sie sich irgendwann doch noch mitreissen liess und gemeinsam mit dem Bruder komplett in die Fantasiewelt abtauchte.

Ich stand die ganze Zeit ein bisschen ratlos daneben. Zwar beantwortete ich ihre Fragen nach dem Blumenkranz und dem sauberen Kleid («Vielleicht hat sie heute früh Wäsche gewaschen»). Wenn sie aber konkret wissen wollte, ob die Figuren echt seien, wich ich aus. Ich wollte sie nicht anlügen und behaupten, es stünde eine echte Fee vor ihr. Gleichzeitig mochte ich aber auch nicht die Wahrheit sagen, weil der Kleine ja auch dabei war und ich ihm die Freude und den Zauber auf keinen Fall nehmen wollte.

Im Nachhinein glaube ich, dass dieser Mittelweg richtig war. Zwar wollte meine Tochter die Wahrheit unbedingt hören, fürchtete sich aber gleichzeitig auch davor. Ein Kollege von mir hat gerade dasselbe mit seiner Tochter und der Zahnfee erlebt. Das Mädchen war eines Tages plötzlich der festen Überzeugung, dass es die Zahnfee gar nicht gäbe, sondern Mama und Papa ihr jeweils ein Geschenk unters Kissen legen würden. Sie insistierte so lange, bis die Eltern schliesslich zugaben, dass tatsächlich sie die Zahnfee gespielt hätten. Doch anstatt sich zu freuen, dass sie eine ehrliche Antwort bekommen hatte, war das Mädchen am Boden zerstört, weil der letzte Funken Hoffnung, dass es die Fee gibt, ausgelöscht worden war.

Wie ich das nächste Mal reagieren werde, wenn meine Tochter die Existenz der Zahnfee oder des Osterhasen anzweifelt, weiss ich noch nicht. Ich werde versuchen, herauszuspüren, ob sie die Wahrheit wirklich hören will. Und ich gebe es zu, insgeheim hoffe ich, dass ihr diese wunderbaren kindlichen Fantasiewelten noch eine Weile erhalten bleiben. Vor allem für sie selber, aber auch, weil ich als Mutter immer ein klitzekleines Stück weit mit in die Zauberwelt abtauche.

Was ist Ihre Strategie bei Fragen nach der Existenz von Christkind und Zahnfee?