Lügen haben Kinderbeine

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Ob Gross oder Klein: Zu seinen Fehlern zu stehen, fällt oft schwer. (iStock)

Ich glaube, jede Mutter hat so eine Sache, die sie auf den Tod nicht ausstehen kann. Eine, die ihren Emotionskochtopf innert weniger Sekunden zum Überschwappen bringt. Bei mir ist es das Lügen. Oder Schwindeln, wie man bei kleineren Kindern sagt. Wir könnten diese Tatsache nun in der Kommentarspalte rauf- und runterpsychologisieren, in meiner Kindheit nach dauerlügenden Eltern suchen oder meine eigene Verleumdungsstrategie durchleuchten. Oder wir belassen es einfach dabei: Ich mag die Wahrheit am liebsten. Ganz egal, wie schmerzhaft sie ist. Sie bietet für mich die einzige Möglichkeit, (wenn nötig) einen Entwicklungsschritt zu gehen. Hingegen verwischt die Lüge einzig eine Tatsache und verhindert jegliche Form der Klärung.

Aber natürlich sind Kinder einfach «nur» Kinder. Und Kinder schwindeln nun mal alle – ich glaube, das darf ich einfach mal so behaupten. Und sei es nur, um auszuprobieren, was dann passiert. Zu Beginn aus reiner Fantasie («Da waren ganz viele Häsli auf dem Nachhauseweg»), Notwehr («Aber er hat mich zuerst gehauen!» oder: «Keine Ahnung, wo die Schokolade hingekommen ist»), später aus Wunschvorstellung («Ich war der Einzige, der ein Goal geschossen hat!»). Bis zu diesem Entwicklungspunkt war für mich alles okay. Vermutlich auch, weil es sich um – aus Elternsicht – unbedeutende Dinge handelte, leicht zu durchschauen und irgendwie auch süss war.

Umso bitterer schmecken mir die folgenden selbstschadenden Lügen («Ich schwöre, ich habe die Zähne geputzt»), solche, wo andere angeschwärzt werden («Das war Dianas Idee. Sie hat mich gezwungen, mitzumachen»), oder schlichtweg gefährliche Dinge («Mami, wie kommst du darauf? Wir spielen sicher nicht auf dem Zebrastreifen!»).

Blöderweise durchschauen Mütter ihre Kinder trotz engelsgleichem Gesichtchen fast jedes Mal. Und wenn nicht, gibt es garantiert einen anderen, blöden Zufall, der die Lüge aufdeckt. So passiert bei uns vor einigen Wochen, als die Nachbarin mir über das Gebüsch zurief: «Wusstest du, dass dein Sohn und seine Freunde Liegestütze auf dem Fussgängerstreifen machen?» Ich ging an die Decke. Und blieb eine ganze Weile da oben kleben.

Im Nachhinein war das ganz gut so. Zum ersten Mal machte ich mir ernsthaft Gedanken zum Thema Lügen und berief eine Familienkonferenz ein (übrigens, im Alter von sieben und zehn eine tolle Sache – die Kinder sind hoch motiviert und sehr fantasievoll). Die beiden erklärten uns Eltern, dass sie nur dann schwindeln würden, wenn sie meinten, einen Fehler gemacht zu haben, und/oder Angst vor einem Anschiss hätten. Nachvollziehbar und plausibel. Wir wiederum erklärten ihnen, dass es wohl kaum ein anderes Thema gebe, bei dem wir so in Rage geraten würden, wie dann, wenn sie lügen würden. Ganz egal, wie gross der Mist ist, den sie ausgefressen haben: Fehler passieren, und es gibt in unserer Welt keine unlösbaren Probleme.

Seither befinden wir uns in der Experimentierphase, und ich muss sagen, es ist nicht «ohne». Auch für uns Eltern: Nach der Kontrollphase, die mit der Lügenspirale ganz automatisch entstanden ist, üben wir uns wieder in 100-prozentigem Vertrauen. Und überprüfen dabei auch gleich unsere eigenen Gepflogenheiten: Wann verdrehen denn wir mal die Wahrheit, um einer Schelte aus dem Weg zu gehen? Oder um besser dazustehen? Oder ganz einfach den bequemeren Weg zu gehen?

Ob für Kleine oder Grosse: Ziel darf es sein, bedingungslos dazu zu stehen, wie und was wir sind – mit allen Sonnen- und Schattenseiten. Prüfungsmaterial gibts auf dem Weg dahin jedenfalls mehr als genug.