Gerechtigkeit wird überschätzt

Les petite Fanny et Margot mangent les lapins de Paques trouves dans les pres le dimanche de 13 avril 2009 lors de Fetes de Paques a Salins en Valais. (KEYSTONE/Olivier Maire)

Hat etwa eine der beiden Schwestern den kleineren Osterhasen bekommen? Skandal! Foto: Olivier Maire (Keystone)

«Schau mal diese tollen Shorts an, Judith!», eine dunkelhaarige Mittvierzigerin reisst in der Zara-Kinderabteilung eine Hose vom Ständer und wedelt damit vor der Nase ihrer Freundin herum. «Die wären doch etwas für deinen Enrico!» Judith zupft ein wenig an den aufgenähten Applikationen herum und meint: «Die würden ihm wirklich gefallen!» – «Hopp zur Kasse», freut sich die Entdeckerin. «Ach, lass mal», sagt Judith. «Dann muss ich seinem Bruder auch noch etwas suchen gehen, und darauf habe ich jetzt echt keine Lust.» – «Wieso das denn?», die Brünette guckt ungläubig. «Wir reden hier von einer Hose und nicht einem 500 Franken teuren Spielzeug!» – «Trotzdem! Es ist ungerecht, nur einem Kind etwas nach Hause zu bringen. Ich behandle beide Kinder immer genau gleich. Punkt!»

Nachdem ich diese Szene beobachtet hatte, fragte ich mich: «Handhabe ich das auch so?» Ehrlich gesagt, finde ich es auch schön, beiden Kindern etwas nach Hause zu bringen und nicht «nur» einem. Was so viel bedeutet wie: Hätte ich meinem Sohn die Hose gekauft, würde ich vermutlich mit noch etwas wacheren Augen durch die Auslagen schweifen und darauf warten, dass mich etwas für meine Tochter anspringt. Aber ich sage bewusst: anspringt! Ich würde niemals absichtlich etwas suchen oder gar kaufen gehen, bloss, damit zu Hause Frieden herrscht.

Was passiert denn, wenn Mami mit «nur» einer Hose nach Hause kommt? Ja, möglicherweise ist das zweite (oder dritte oder vierte) Kind enttäuscht. Das darf es doch auch sein und dem auch Ausdruck verleihen. Bloss: Hält das die Mutter aus? Darf denn eine Mutter ihr Kind auch mal enttäuschen? Ich finde, ja. Das muss sie sogar dann und wann. Enttäuschungen gehören zum Leben dazu, und Mütter sind meiner Meinung nach nicht dazu da, um ihren Kindern sämtliche Frustrationen aus dem Weg zu räumen.

Überhaupt, was bedeutet denn schon «gerecht»? Gerne hätte ich diese Mutter gefragt, ob sie alle Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke auf den Rappen genau abrechne. Oder ob nur die Präsentgrösse identisch sein müsse. Aber ist das denn überhaupt möglich? Ist es nicht vielmehr so, dass einmal ein Kind beispielsweise ein Fahrrad geschenkt bekommt, weil das alte zu klein geworden ist, und beim nächsten Mal dem anderen Geschwister ein Herzenswunsch erfüllt wird? In einem Moment sind sämtliche Pullis des einen Sprösslings zu klein. Einen Monat später braucht die Schwester vielleicht einen BH. Bei der blossen Vorstellung, sofort überall Ausgleich zu schaffen, bin ich komplett überfordert.

Ähnlich erzählte mir kürzlich eine Mutter, dass ihr jüngerer Sohn derzeit viel zu wenig Schlaf bekomme, weil der ältere abends noch lange lernen müsse. Auf meine Frage, warum sie den jüngeren nicht einfach früher ins Bett stecken würde, sah sie mich entgeistert an und meinte: «Ich kann doch nicht den einen vor dem anderen ins Bett schicken! Das wäre doch total unfair!» Unfair? Finde ich nicht.

Nicht selten gehen Geschwister ständig aufeinander los, weil keine richtige (und somit gerechte) Ordnung herrscht. In einer solchen hat das erstgeborene Kind im Vergleich zum folgenden Geschwister definitiv mehr Rechte. Natürlich darf es später ins Bett gehen. Es kriegt auch mehr Sackgeld, darf länger in den Ausgang oder als erstes ohne Eltern in die Ferien gehen. Im Gegenzug hat es auch mehr Pflichten, vielleicht mehr Ämtli zu erledigen oder hilft den Kleineren bei den Hausaufgaben. Wenn diese äusserst «natürliche Rangordnung» – wie sie mir scheint – eingehalten wird, gibt es garantiert weniger Rebellionen.

Und was das gerechte Verteilen von materiellen oder auch nicht materiellen Dingen angeht: Ich bin überzeugt, das Leben schafft ganz automatisch Ausgleich. Mal früher, mal etwas später.