Leben und Leiden im Wohnwagen

Winterliche Campingidylle: Ein Campingplatz im winterlichen Churwalden. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

Winterliches Campingidyll: Ein Campingplatz im winterlichen Churwalden. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

Während manche Familien auf Campingferien schwören, gibt es hierzulande nur wenige, die freiwillig längere Zeit in einem Wohnwagen leben. Wir haben es diesen Winter ausprobiert. Exklusiv für Sie, liebe Leserinnen und Leser.

Das war natürlich gelogen. Wir haben es nicht für Sie gemacht. Wir bauen unsere Wohnung um, und die freistehende Badewanne war so teuer, dass wir uns als Unterkunft nur noch den geliehenen Wohnwagen leisten konnten. Da wir zwischen zwei Wohnorten pendeln, verbringen wir die Umbauzeit nicht komplett im Wohnwagen. Und doch hat sich jetzt nach sechs von neun Monaten schon einiges an Langzeiterfahrung angesammelt.

Das Fazit vorweg: mehr Überlebenskampf als Campingromantik. Für zwei Wochen Ferien in Italien mag ein Wohnwagen toll sein. Als Wohnung im Winter war er eine Herausforderung. Die Kälte nistete sich bei uns ein und brachte ihren mühsamen Kollegen – das Kondenswasser – gleich mit. Der Winter ist zum Glück vorbei, doch andere Probleme bleiben. Zum Beispiel die fehlende Privatsphäre: Toilettengeräusche dringen nicht nur ins «Schlafzimmer» und die «Küche» vor, sondern auch nach draussen bis zu den Nachbarn.

Ich verbringe die Tage damit, Wasser vom Dorfbrunnen anzuschleppen wie ein afrikanisches Klischee. Alle zwei Tage dampft die Kacke so sehr, dass ich sie wegbringen muss. Entschuldigen Sie die deutliche Formulierung, aber so was kann man nicht schönreden. Über die Dusche will ich gar nicht viele Worte verlieren, die hats, glaube ich, mit der Prostata.

Das ist kein Symbolbild, sondern die bittere Realität unseres Papabloggers.

Das ist kein Symbolbild, sondern die bittere Realität unseres Papabloggers.

Am schlimmsten ist der Regen. Er prasselt so laut aufs undichte Dach, dass wir uns nur noch schreiend unterhalten können. Wer sich hinauswagt – üblicherweise ich, um Wasser zu holen –, bringt bei seiner Rückkehr eine Ladung Schlamm mit rein.

Schildere ich jemandem unsere aktuelle Wohnsituation mit obigen Worten, erhalte ich immer dieselbe Antwort: «Aber für euer Kind ist das bestimmt toll!»

Leider nein. Wohnwagen bieten in der Regel viel Stauraum, aber wenig Boden. So stehen wir uns auf der Fläche eines Laufgitters zu dritt im Weg. Platz zum Spielen gibts eigentlich nur in den Hängeschränken. Hinzu kommt, dass Wohnwagen leicht und deshalb wenig stabil gebaut sind. Als erste Amtshandlung hat der Brecht beim Einzug ein Regal zerlegt. Natürlich erfüllt es mich mit Stolz, dass mein kaum zweijähriges Kind den Wohnwagen in Schutt und Asche legen könnte, wenn es wollte. Das Problem: Es will. Deshalb ist unser Alltag geprägt von «Nein, lass das!», «Nicht anfassen!» und «Oh mein Gott, leg das sofort wieder hin!».

Ich weiss, meine Worte klingen negativ. Und sie entsprechen tatsächlich unserer Stimmung während der ersten paar Wintertage. Doch man gewöhnt sich an vieles, auch an fehlenden Komfort.

Noch viel schneller gewöhnt man sich übrigens an üppigen Komfort. Und genau deshalb würden wir in derselben Situation wieder in den Wohnwagen ziehen: Es ist nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene wichtig, im Leben immer wieder Verzicht zu üben. Verzicht auf Geld, Verzicht auf Süssigkeiten und Verzicht auf Komfort. So ein Wohnwagen kalibriert die Anspruchshaltung ordentlich nach unten.

Wenn wir jeweils in unsere kleine Stadtwohnung in Bochum übersiedeln, kommt sie uns vor wie ein Palast. Und die Wohnung, die wir im Sommer neu beziehen werden, wird sich auch ohne Steamer, Tumbler und Balkon anfühlen wie der pure Luxus. Rückblickend hätten wir gut auf die freistehende Badewanne verzichten können.