Getrennt oder allein erziehen?

Back view of mother walking with her children on forest track

Ob sie getrennt oder allein erzieht? Eine Mutter mit zwei Kindern. Foto: Getty Images

Wer heute alleine mit seinen Kindern lebt, ist keine Ausnahme mehr. Zählte die Schweiz im Jahr 2000 noch rund 90’000 Alleinerziehende, so ist deren Zahl unterdessen auf mehr als 207’000 (Stand 2014) angewachsen. Der Grossteil dieser allein lebenden Elternteile ist weiblich: 170’000 Mütter stehen gerade einmal 37’000 Vätern gegenüber. Es sind also nach wie vor vor allem die Frauen, die sich nach einer Trennung um den Nachwuchs kümmern. Aber tun sie das wirklich ganz alleine?

In den seltensten Fällen, zeigt jetzt eine neue Studie des Deutschen Jugendinstituts. Mehr als die Hälfte aller Trennungskinder habe mindestens einmal pro Woche Kontakt zum anderen Elternteil, sagt die Forschungsdirektorin gegenüber der «Welt». Bei rund fünf Prozent der Familien würden sich die Eltern die Betreuung nach der Trennung gleichmässig aufteilen, 20 Prozent der Trennungskinder hingegen haben gar keinen Kontakt zum anderen Elternteil.

In der Schweiz sehen die Zahlen ähnlich aus. «Sechs Prozent aller getrennt lebenden Eltern, welche die gemeinsame Sorge innehaben, machen bei der Erziehung halbe-halbe», sagt Danielle Estermann, Geschäftsführerin beim Schweizerischen Verband alleinerziehender Mütter und Väter (SVAMV ). Bei rund 16 Prozent der Einelternfamilien wohnen die Kinder hauptsächlich beim Vater, beim überwiegenden Teil aber hauptsächlich bei der Mutter. Ob auch hierzulande jedes fünfte Kind gar keinen Kontakt zum anderen Elternteil mehr hat? Man weiss es nicht. Laut Bundesamt für Statistik werden diese Daten nicht erfasst. Markus Theunert vom Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen sagt aber, dass ihm diese Zahl «gefühlsmässig realistisch» scheint.

Schätzungsweise vier von fünf sogenannt Alleinerziehenden erziehen den Nachwuchs also in Tat und Wahrheit nicht alleine. Deshalb häuft sich besonders auf Männerseite die Kritik am Wort «alleinerziehend», weil dieses den anderen Elternteil komplett ausklammert. Neu solle deshalb von «getrennt erziehend» gesprochen werden. Auch Theunert ist der Meinung, dass die Begrifflichkeit «getrennt erziehend» Sinn macht. «Schliesslich ist der Leitgedanke im neuen Sorgerecht wie auch im Unterhaltsrecht, dass Eltern Eltern bleiben, auch wenn sie sich als Paar trennen. Und selbst wenn die hohe Zahl von Kontaktabbrüchen stimmt, wäre es immer noch die Mehrheit der Fälle, in denen der Kontakt bestehen bleibt.» 

Danielle Estermann findet die aktuelle Diskussion nachvollziehbar und wichtig. «Die Bezeichnung ‹getrennt erziehend› setzt unserer Meinung nach allerdings voraus, dass sich beide Elternteile um die Erziehung des Kindes bemühen und diese auch ungefähr zu gleichen Teilen ausüben», sagt sie. Das würde gemäss Statistik momentan auf lediglich sechs von hundert Einelternfamilien zutreffen. Eine zu strenge Auslegung der neu aufkommenden Bezeichnung? Das sieht Estermann nicht so: «Die erzieherischen Anforderungen sind im Alltag unbestritten höher als am Wochenende, wo öfters ein Auge zugedrückt werden kann. Wird der Grossteil der alltäglichen Erziehung von einem Elternteil bestritten, kann daher getrost von alleinerziehend gesprochen werden.» Sie gibt ausserdem zu bedenken, dass sich viele der Alleinerziehenden tatsächlich alleine gelassen fühlen, weshalb der heute verwendete Begriff für sie durchaus passend sei.

Wäre es denn denkbar, dass eine Änderung im Wortschatz auch eine Verhaltensänderung bewirken könnte? Würden die Väter sich (noch) mehr engagieren, wenn sie verbal nicht mehr ausgeblendet, sondern als «getrennt Miterziehende» miteinbezogen würden? Theunert hält das für durchaus möglich. «Und die Einführung der neuen Bezeichnung könnte auch einen Beitrag zur Differenzierung leisten, um die wirklich allein Erziehenden von jenen Elternpaaren zu unterscheiden, die sich nach der Trennung getrennt, aber gemeinsam um die Kinder kümmern.»

Einen positiven Effekt wird die Diskussion sowieso haben, glaubt Estermann. «Leider gilt die Einelternfamilie heute immer noch als defizitäres Familienmodell», so die SVAMV-Geschäftsführerin, «mit der Diskussion über die Begrifflichkeiten wird gleichzeitig auch eine Diskussion über die Akzeptanz dieser Familienform geführt. Das freut uns.»