Schiessen erlaubt

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Das Objekt der kindlichen Begierde: Ein Nerf-Gewehr. Foto: louiscrusoe/flickr.com

«Mmmiiuuuschpppp!» – ein dunkelblaues Geschoss landet zielgenau auf einem der beweglichen Sitzbänke im Einkaufszentrum Sihlcity. Zwei Halbstarke quietschen ohrenbetäubend, und während einer sich vor Freude der Länge nach hinschmeisst (mein Göttibub), pult der andere (mein Sohn) den orangen Saugnapf wieder vom grünen Plastikberg. Doch die Glücksgefühle halten nicht lange. Durch seine Treffsicherheit euphorisiert, will mein Sohn seinen vom Sackgeld frisch erworbenen Nerf (Name des Schiessgeschosses) nicht mehr hergeben, während mein Göttibub natürlich nichts anderes will, als genau «jetzt, jetzt, jetzt» schiessen. Wie die Geschichte weitergeht, weiss jeder. Wie sie endet? Ich befinde, dass die beiden oft Konflikte erfolgreich lösen, ich pädagogisch auch mal inkonsequent handeln darf und ziemlich selten mit den beiden einkaufen gehe. So kriegt mein Patenkind einen eigenen, kleinen Nerf. Ende gut, alles gut.

Öhm, oder sagen wir: bis zum nächsten Treffen mit den Eltern. Zaghaft bringt der Vater das Gespräch auf den besagten Nachmittag und bedankt sich zuerst in aller Form für das Geschenk. «Aber…» – ach, da kommt ein Aber? – «… eigentlich möchte ich nicht, dass er mit nicht mal vier Jahren schon ein Schiessgeschoss hat. Er wollte im letzten Sommer bereits eine Wasserpistole haben, hat aber keine bekommen. Dieser Nerf setzt aber noch ziemlich einen obendrauf. Ich finde, Waffen haben im Kinderzimmer nichts zu suchen. Und in der aktuellen politischen Lage, ehrlich gesagt, erst recht.»

Wann war das nochmals, als auch ich exakt so geredet habe? Mein Sohn würde nie in der Gegend rumballern, das war für mich sonnenklar. Mit gar nichts. Ich würde ihn über die Gründe aufklären und war sicher, er hätte sich augenblicklich wieder seinen Autos zugewendet. Ähä, falsch gedacht. Wenn ich jetzt an seine Staukiste im Kinderzimmer unten rechts denke, wird mir fast ein wenig schlecht. Es war in den Ferien, als ich meine Meinung zu ändern begann: Da waren dieser kleine Kiosk, an dem wir täglich dran vorbeigelaufen sind, die leuchtenden Augen des Sohnes, die anderen Kinder mit Spritzpistolen im Pool… Und ja, eines Ferientages hatte er seine eigene und war selten so glücklich über ein Geschenk. Ähnlich liefs dann später mit einem Fasnachts-Cowboygewehr, einer Polizeipistole und – seit neustem – einem Nerf. Mein Vorsatz war definitiv einmal ein anderer, und ich frage mich: Wäre ein rigoroses Verbot stimmiger gewesen?

«Auf keinen Fall! Hey, das sind Kinder, Martina. K-i-n-d-e-r.» Ich liebe es, solche Themen in unserem Freundeskreis zu besprechen – an jenem Abend hauptsächlich bestehend aus Männern. Einer von ihnen legt sich dabei besonders ins Zeug. Er sagt: «Wir haben früher keine Waffen gekauft, sondern welche gebaut oder geschnitzt und damit wie verrückt in unserer Wohnsiedlung rumgeballert. Das sind unsere Gene!» Ein anderer hält dagegen: Er verweist auf die aktuelle Weltlage, auf Kriege und Konflikte in so vielen Gegenden. Kinder müssten lernen, dass man nicht wahllos herumschiessen dürfe. «Das Nächste sind blutige Games, und irgendwann wird das Ballern normal…» Sie diskutieren darüber, ob sich ein Sechsjähriger für die Weltpolitik zu interessieren habe. Ob er nicht vielmehr einfach spielen dürfe, wozu er Lust habe. Wobei ich Letzterem zustimme, denn ich bin der Meinung, dass Totalverbote am Ende nur noch mehr reizen.

Die Männer schliessen das Thema an diesem Abend mit einer gemeinsamen Erinnerung. Sie glauben, das Waffenthema sei früher schlichtweg keins gewesen: Sie spielten ein paar Wochen damit, dann war Fussball dran, danach Verstecken – «und dann vielleicht wieder Räuber und Polizei mit Waffen». Sie spielten, wozu sie gerade Lust hatten.

Dennoch hätte ich die Eltern natürlich um Erlaubnis fragen sollen, bevor ich meinem Göttibuben einen Waffenwunsch erfülle. Tut mir leid.