Der Kinder-Karriere-Krampf

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Der Spagat zwischen Babyzimmer und Büro ist in der Schweiz besonders schwer. Foto: Cia de Foto (Flickr.com)

Ja was stimmt denn nun? Die vielen Artikel zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Job in den letzten Tagen machten einen ganz schön schwindlig. Liegt es vor allem an den unflexiblen Unternehmen, dass es in der Schweiz für viele Mütter noch immer schwierig ist, einer Erwerbsarbeit nachzugehen? An den hohen Betreuungskosten? An den Vätern, die ihr Arbeitspensum zugunsten der Familie nicht senken wollen? Oder liegt es primär am alten Rollenbild von jungen, gut ausgebildeten Müttern: Kaum kriegen sie ein Kind, wollen sie daheim bleiben und höchstens Teilzeit arbeiten?

Wie so oft ist es von allem ein bisschen. Fakt ist: Die Schweiz liegt im Vergleich mit den Nachbarländern deutlich zurück, wenn es um familienfreundliche Arbeitszeitmodelle geht. Der überwiegende Teil der Väter arbeitet Vollzeit, viele Mütter Teilzeit oder gar nicht. Und will eine Mutter Karriere machen, hat sie es schwer: Der «Tages-Anzeiger» schrieb diese Woche von einer Schweizer Karrierewüste. Laut dem britischen Wirtschaftsmagazin «The Economist» ist es nur in Japan, der Türkei und Südkorea für eine Frau noch schwieriger, Karriere zu machen. Den Grund dafür ortet das Magazin in den herrschenden Strukturen: Die Betreuungskosten für Kinder sind hierzulande exorbitant, und der Mutterschaftsurlaub von 14 Wochen ist im Vergleich mit anderen Ländern kurz – von einem fehlenden gesetzlichen Vaterschaftsurlaub ganz zu schweigen.

Das alles sei jedoch nicht das eigentliche Problem, diagnostizierte die «SonntagsZeitung». Die zahlreichen Akademikerinnen, die lieber daheim bei den Kindern bleiben, statt ins Büro zu gehen, hätten vielmehr eine «Prinzessin auf der Erbse»-Attitüde. Gut ausbilden liessen sich die Frauen in der Schweiz zwar, ja – doch kaum sei das erste Kind auf der Welt, buchstabierten sie beruflich zurück und gingen zurück an den Herd.

Genau das fordert Anne-Marie Slaughter im «Magazin». «Los, kümmert euch» ist ihre Message. Die Buchautorin und ehemalige Topangestellte im US-Aussenministerium verliess ihren hoch dotierten Job, um vermehrt daheim bei ihren Kindern zu sein. Zu sehr fühlte sie sich zerrissen zwischen Familie und Beruf.

Solche und viele weitere Stimmen spiegeln das breite Spektrum der Ansichten und zeigen, dass die Frage der Kinderbetreuung noch immer die grösste Knacknuss ist: Gemäss Helena Trachsel, Gleichstellungsbeauftragte des Kantons Zürich, ist es elementar, dass ein Paar mit Kind frühzeitig und offen über sein Familienmodell redet und beide flexibel sind. Egal, ob am Ende die Frau oder der Mann daheim mit den Kindern bleibe, das Paar sich für eine Mischform entscheide oder die Kinder Vollzeit bei einer Krippe anmelde. Wichtig sei auch die Frage, was einen längerfristig erfülle – und dass vor allem Frauen den Realitäts- und Finanzsinn nicht aus den Augen verlören.

Danach gelte es, den Arbeitgebern Lösungsvorschläge zu präsentieren. Doch das würden die Paare oft vernachlässigen, sagt Helena Trachsel. Stattdessen warteten Frauen und Männer darauf, bis der Arbeitgeber ihnen ein Angebot mache – das sei falsch.

Allein wegen der hohen Betreuungskosten nicht einer bezahlten Arbeit nachzugehen, akzeptiert Helena Trachsel nicht als Grund für eine Vollzeitmutterschaft. Diese dürfe man nicht zu hoch bewerten. Eine gute Betreuung dürfe etwas kosten. Zudem fielen die Kosten nur während der ersten drei, vier Jahre an. Den Betrag solle man vielmehr als Investition in die eigene Tätigkeit sehen. «Die Frau bleibt so im Erwerbsleben, ist finanziell unabhängig und hat eine eigene Pensionskasse», sagt Trachsel. Bei einer Scheidungsrate von über 50 Prozent ein nicht unwichtiger Punkt.