Das Kind erstickt doch nicht daran!

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Strangulationsgefahr durch dieses Kleidungsstück? Ein Kind mit einem dicken Schal. Foto: Oleg Sidorenko (Flickr)

«Was haben eure Kinder um den Hals? Hier hängt seit letzter Woche ein Aushang, dass auch einfache Loopschals nicht erlaubt sind.» Die Frage stellte letzte Woche eine verzweifelte Mutter in einem deutschen Facebook-Forum, und ich blieb sofort daran hängen. Sie erzählte, dass im Kindergarten neuerdings nicht mehr nur Schals, sondern auch Loopschals, also diese kreisförmig geschlossenen Halswärmer, verboten seien. Sogar die einfachen Loops, die relativ eng am Hals liegen, seien nicht mehr erlaubt. Der Grund: Strangulationsgefahr auf dem Spielplatz.

Ich hatte noch nie von einem solchen Verbot gehört und fragte in die Runde, ob solche Vorschriften in Deutschland üblich seien. Die Antwort war ein klares Ja: Dutzende Mütter erzählten, dass es in ihren Kitas und Kindergärten dasselbe sei, wobei die Regeln bezüglich Loops nicht überall gleich streng ausgelegt würden.

Die Diskussion war damit lanciert. Während die einen Mütter sich empörten, dass heute alles verboten werde, zeigten die anderen Verständnis, weil Schals tatsächlich gefährlich seien und man den Betreuerinnen doch nicht zumuten könne, jederzeit alle Kinder im Blickfeld zu haben. Zwei, drei erzählten sogar, in ihrem Dorf habe es tatsächlich einmal einen solchen Fall gegeben, in dem ein Kind bei einem unglücklichen Unfall mit dem Schal hängen geblieben und gestorben sei.

Ich habe meinem Buben heute früh trotzdem seinen Schal um den Hals gewickelt, bevor wir in Richtung Kita losmarschiert sind. Natürlich musste ich dabei sogleich an die Diskussion zurückdenken und habe mich gefragt, ob ich mich nun fahrlässig verhalte, wenn ich einfach so tue, als hätte ich vom Thema nichts mitbekommen. Gleichzeitig ärgerte ich mich, dass mir nun noch eine weitere potenzielle Gefahr im Kopf herumgeistert, von der ich noch nicht so recht weiss, wie gut ich sie wegschieben kann.

Denn ich will mein Verhalten nicht beeinflussen lassen von Dingen, die mit grösster Wahrscheinlichkeit nie eintreten werden. Ich besitze zwar keine Statistik, die ich zitieren kann; mein Bauchgefühl und meine Erfahrungswerte sagen mir aber, dass das Risiko, sich beim Klettern oder Rutschen mit dem Schal zu strangulieren, nahezu bei null liegt. Zugegeben, nahezu bei null ist nicht gleich null. Ein winziges Risiko bleibt bestehen, wenn ich meinen Kindern den Schal anziehe. Ich könnte also genauso gut all ihre Halswärmer entsorgen und ihnen stattdessen ein mit Klett verschlossenes Halstuch anziehen, das sich im Ernstfall hoffentlich öffnen würde. Bloss, was kommt dann als Nächstes? Verbiete ich ihnen künftig, über Steine und Mauern zu klettern, weil sie stürzen und sich am Kopf verletzen könnten? Lasse ich sie nicht mehr alleine in den Kindergarten laufen, weil sie beim Überqueren der Strasse womöglich ein Auto übersehen? Und verbanne ich alle Erdnüsse aus der Wohnung, da so ein kleines Ding rein theoretisch im Hals stecken bleiben und Schlimmes anrichten könnte?

Ich bin nicht die sorgloseste Mutter. Ständig mache ich mir Gedanken, was alles passieren könnte, sehe überall Gefahren. Und tue mein Möglichstes, um meine Kinder vor allem Unglück zu beschützen. Trotzdem hatte meine Tochter schon mit drei Jahren ein Loch im Kopf, weil sie entgegen meiner Warnung in ihr Kuschelkissen gehüpft war und sich dabei den Kopf an der Stuhlecke gestossen hatte. Ein anderes Mal rammte sie sich selber kopfüber in den Boden beim Herumturnen auf einem Absperrseil. Ich hatte das Unglück kommen sehen, kam aber einen halben Schritt zu spät.

Auch wenn ich mir noch so Mühe gebe, jede Gefahr von meinen Kindern fernzuhalten, es wird mir nie hundertprozentig gelingen. Ich muss mir dessen immer wieder bewusst werden. Besonders in Momenten, in denen ich wieder einmal darüber nachdenke, ihnen aus übertriebener Angst etwas zu verbieten. Genau das will ich nämlich nicht tun, weil ich überzeugt bin, dass sie mit jeder selber gemachten Erfahrung noch sicherer werden und so Risiken immer besser abzuschätzen und zu vermeiden lernen. Deshalb übe ich mich bisweilen auch im Ignorieren von theoretisch im unglücklichsten Fall eigentlich doch irgendwie möglichen Gefahren. Und konzentriere mich lieber auf die Dinge, die meines Erachtens wirklich gefährlich sind.