Das spricht gegen eine vorzeitige Einschulung

Kinder im Zürcher Friesenbergquartier. Foto: Sabina Bobst

Die Ersten werden nicht zwingend die Ersten bleiben: Kinder im Zürcher Friesenbergquartier. Foto: Sabina Bobst

Eine Frau sagt im Zug laut ins Telefon, sie wolle das Kind früher einschulen, «denn es ist in der Entwicklung enorm weit und total bereit». Auch die Krippenleiterin sei der Meinung, das Mädchen gehöre schon jetzt in den Kindergarten. Nun müssten sie auf das Ergebnis der Abklärung warten, sagt sie weiter. «Einen negativen Entscheid würden wir allerdings ganz und gar nicht verstehen.»

Sie ist mit ihrer Forderung nicht allein. Der Trend geht hin zu immer früherer Einschulung. Je nach Kanton treten rund fünf bis zehn Prozent der Kinder früher als vorgesehen ins Schulsystem ein, schreibt der «Beobachter» im Artikel «Was muss ein Kind für die Schule können». Viele Eltern glauben, ihre Kinder seien frühreif und gehen davon aus, eine vorzeitige Einschulung in den Kindergarten führe zu besseren Chancen im Berufsleben.

Ich gestehe, auch ich überlegte mir damals, ob ich meinen Sohn abklären lassen sollte. Wäre er drei Wochen älter gewesen, dann wäre er ein Jahr früher eingeschult worden. Ich entschied mich nach einem Gespräch mit einer befreundeten Kindergärtnerin dagegen. Mein Sohn gehört seither jeweils zu den Klassenältesten – und ich bin froh darüber.

Es sprechen schlicht zu viele Gründe gegen eine vorzeitige Einschulung. Die Gefahr, das Kind damit zu überfordern, ist gross. Studien zeigen, dass früh Eingeschulte ihren Vorsprung kaum halten können, ausser sie sind hochbegabt. Der deutsche Frühlesetest Iglu kommt sogar zum Ergebnis, dass ältere Schüler deutlich besser lesen können. Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung spricht sich gemäss «Beobachter» gegen eine frühe Einschulung aus, weil diese Kinder seltener aufs Gymnasium gehen. Zudem seien die Klassenjüngsten auffällig oft hyperaktiv, weniger ausdauernd und täten sich damit schwerer, sich auf Veränderungen einzustellen, so eine deutsche Bildungsökonomin.

Und die vorzeitig Eingeschulten müssen bei der Berufswahl noch früher wissen, welchen Weg sie einschlagen wollen. Nicht selten entscheiden sie sich deshalb für ein Zwischenjahr, um so etwas Zeit zu gewinnen.

Weshalb also das Ganze? Glauben Eltern tatsächlich, dass dies zu besseren Chancen führt? Im Sinne von: Wer als Erster den Abschluss in der Tasche hat, hat gewonnen?

Eine Bekannte von mir glaubt, ja. Sie spricht sich klar für eine frühestmögliche Einschulung aus – und zwar insbesondere bei Mädchen. Bei Buben sei das nicht so wichtig, die könnten sich Zeit nehmen, auch später bei der Wahl einer Ausbildung und eines Berufes. Doch Mädchen hätten eine andere Zeitrechnung, «die kommen Mitte zwanzig voll in die Rushhour». Wollten sie eine anständige Ausbildung abschliessen, sich im Beruf etablieren sowie eine Familie gründen, dann zähle jedes einzelne Jahr. «Die Mädchen müssen Gas geben, die haben keine Zeit.»