Die Kunst, Glück zu erkennen

Ein Gastbeitrag von Ingrid Eva Liedtke*

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Auch kleine Dinge können eine grosse Wirkung haben. Foto: Savannah Lewis, Flickr.com

Kann ich meinem Kind erklären, was Glück ist? Gibt es Bedingungen zum Glücklichsein? Eine Gebrauchsanweisung? Was uns im Volksmund sicher scheint: Das ist ein Glückspilz und ein anderer ein Pechvogel. Wird das der Sache gerecht? Dem schnellen Urteilen kommt es allemal entgegen. Es gibt glückliche Menschen und zutiefst unglückliche – das ist klar.

Es bleibt die Frage: Wie gross ist unser Einfluss als Eltern? Man sagt auch: Jeder ist seines Glückes Schmied. Das hat schon etwas und wäre wohl ein guter Ansatz, meinem Kind zu erklären, woher das Glück kommt. Es wird einem auf jeden Fall nicht einfach zugeteilt, obschon man in eher glückliche Umstände geboren werden kann, wo es dann leichter fällt, das eigene Glück zu schmieden und zu entfalten.

Ein grosses Thema. Oft begegnet mir der Einwand, dass Glück eher etwas für einzelne Momente sei, kein Dauerzustand, auf den man sicher zählen könne. Etwas in mir rebelliert dann immer, will das so nicht wahrhaben. Schliesslich träumen wir ja immer vom grossen Glück und von Prinzen und Prinzessinnen, die es verwalten. Alles ein Märchen?

Ich auf jeden Fall schwebe nicht immer auf Wolke sieben, und so einiges in meinem Leben ist manchmal ziemlich schwer zu bewältigen. Und doch: Ich kenne viele Momente, die ich als sehr glücklich empfinde und die mich auch über Schweres hinwegtragen und -trösten können. Zum Beispiel dieser allmorgendliche Moment, wenn ich aus meinem Schlafzimmerfenster über die wunderschöne Landschaft bis zum See hinunterblicke. Sie zeigt mir täglich ein neues Kleid, und dann freue ich mich auf den Spaziergang mit meinem treu ergebenen Hund. Wir streifen durch den nahen Wald, scheuchen ein paar Rehe auf, hören den Specht und sonst nur Stille – und ich atme Natur ein, Glück pur.

Ich platze vor Glück und Liebe, wenn ich meinen Mann lachen sehe und sich um seine Augen ein Kranz kleiner Fältchen bildet oder wenn mich eines meiner Kinder anruft und mir sagt: «Hab dich lieb, Mami.» Meine Tochter mit Downsyndrom fügt dann noch hinzu: «Du bist so hübsch.» Braucht man mehr zum Glücklichsein?

Da gibt es auch Dinge, die mich glücklich machen, die nur mit mir zu tun haben und nicht von anderen Menschen abhängen, zum Beispiel wenn ich einen Text geschrieben habe, der mir gefällt, der so schön aus mir herausfloss. Dann bin ich zufrieden mit mir und meistens auch mit der Welt und eben – glücklich!

Es gibt vieles, das ich aufzählen könnte. Welch ein Glück! Und ja, wirklich, es stimmt, das sind alles Momente! Dazwischen findet auch Leben statt, das wehtut und traurig macht, das mühsam ist und aufreibt. Grosse Gefühle schlagen auf beide Seiten aus. Doch ich möchte sie nicht missen. Sie bereichern unser Leben, und sie helfen uns, daraus zu lernen und daran zu wachsen.

Trotzdem wünsche ich meinen Kindern, dass sie immer glücklich sind! Und wenn es nicht so ist, verfalle ich schnell in diesen mütterlichen Aktionismus, um zu helfen und möglichst schnell alles Böse abzuwenden.

Wenn sie klein sind, ist die Welt schnell in Ordnung und das Glück leicht gemacht. Ich erinnere mich: Lange wach bleiben dürfen war toll. Vor dem Fernseher Znacht essen oder mit dem Besuch «apérölen» war cool, mit mir zusammen baden oder in meinem Bett schlafen, Skiferien in den Bergen, laut Bardill-Lieder im Auto singen und bei den Grosseltern im Pool baden, picknicken und Feuer machen, klettern, herumtoben, Hütten bauen und fischen.

Dann gehen sie in die Welt hinaus, finden Freunde, andere Menschen und Erlebnisse, unabhängig von uns, die sie glücklich machen und manchmal auch unglücklich. Sie hängen mit Kollegen ab und hören Hip-Hop, finden zusammen alle Eltern doof und klönen über die Lehrer. Sie freuen sich über die bestandene Prüfung oder über die gefundene Lehrstelle, über einen erfolgreichen Ausbildungsabschluss und sportliche Erfolge. Und dann verlieben sie sich das erste Mal und sind wahnsinnig glücklich mit jemand anderem. Dazwischen gibts Misserfolge, Enttäuschungen, Abschiede, Krisen und Liebeskummer. Das Leben hält so einiges bereit, wovor wir sie nicht beschützen können.

Was uns bleibt, ist, sie vorzubereiten. Auf das Unglück? Nicht unbedingt. Auf das Glück! Es liegt überall, in all diesen kleinen Momenten, die wir täglich durchleben. Wir können unseren Kindern helfen, ihren Blick dafür zu schärfen, und ihnen das Sammeln ebendieser Glücksmomente vorleben. Gleichzeitig können wir ihnen die Entscheidung überlassen, was sie glücklich macht und wie sie sich solches beschaffen. Damit stärken wir ihre Kraft und Selbstwirksamkeit und lassen den Raum weit offen, damit sie sich darin ihr Leben und ihr Glück ausbreiten können. Das Vertrauen, das daraus entsteht, stärkt auch für die härteren Zeiten.

Und während wir unseren Liebsten zuschauen, wie sie sich zur Blüte bringen, erinnern wir uns daran, dass Glück hier ist und überall, wo wir es sehen wollen, meist ganz nah.

MB_portraet_150*Ingrid Eva Liedtke ist Autorin, psychologische Beraterin und Coach. Sie schreibt den Blog Herzenblühen.