So ticken Teenie-Hirne

(Flickr/Justine Reyes)

Im Umbau: Teenagerjahre sind für die Entwicklung ebenso wichtig wie die frühen Kinderjahre. (Flickr/Justine Reyes)

Dass das Teenagerhirn im Umbau ist – und zwar bis fast 30! – und Jugendliche daher nicht ganz zurechnungsfähig sind, weiss man seit längerer Zeit. Letzthin habe ich einen spannenden Artikel gefunden, welcher die wichtigsten bisherigen Erkenntnisse ausführlich darlegt.

Er fusst unter anderem auf dem Buch «Teenager-Hirn. Was in der Pubertät im Kopf Ihres Kindes los ist – Survival Guide für geplagte Eltern» von Frances E. Jensen und Amy Ellis Nutt.

Jensen ist überzeugt, dass die Teenagerjahre ebenso entscheidend und wegweisend sind für die Entwicklung von Persönlichkeit und Intelligenz wie die frühen Kinderjahre. Die gute Nachricht daran: Panische Frühförderung in den ersten drei Jahren ist unnötig. Die schlechte: Wir dürfen erst aufhören, unsere Kinder wirklich zu erziehen, wenn sie erwachsen sind. Laisser-faire ist laut den meisten Neurologen keineswegs angesagt.

Der Artikel erklärt eindrücklich, warum Teenager launisch sind und vor allem nicht in der Lage, langfristig vernünftige, gesunde Entscheidungen zu fällen, sondern impulsiv aus dem Moment heraus handeln.

Sehr verknappt und unvollständig gesagt, geht es laut Jensen hauptsächlich um die graue und die weisse Substanz im Hirn. Die graue enthält die Hirnzellen (Neuronen) und ist tatsächlich schon relativ früh sehr weit entwickelt. Die weisse enthält die Axone, also vereinfacht gesagt die Verbindungskabel zwischen den Nervenzellen. Und hier wird in der Pubertät nochmals mächtig umgebaut. Was gefördert wird, festigt sich, was vernachlässigt wird, verkümmert.

Besonders negativen Einfluss haben Alkohol, Tabak, Cannabis, Dauerstress und traumatische Erlebnisse wie Mobbing. Natürlich wissen wir das. Irgendwie. Aber was soll man mit dem Wissen konkret anfangen?

Schliesslich sind Teenager laut Neurobiologie (und meiner Erfahrung) schon relativ früh fähig, auf der Vernunftebene zu verstehen, welche Risiken ein bestimmtes Verhalten birgt. Und zwar auf Erwachsenenlevel. Aber da habe ich mich wohl zu früh gefreut. Es ist ihnen nämlich egal. Ihr Hirn springt im Ernstfall viel mehr auf den Kick des Moments an als auf etwaige langfristige Folgen.

Dennoch: Solche Gespräche sind nicht nutzlos. Laut Jensen ist es sogar enorm wichtig, Teenagern ständig im Nacken zu sitzen und ein Auge darauf zu haben, ob sie ihre Hausaufgaben erledigen, welche Freunde sie haben und dass sie sich an Vorgaben halten. Und das alles, ohne zu Helikoptereltern zu werden. Denn damit schadet man der Hirnreifung ebenfalls. Alles in etwa so einfach wie ein doppelter Salto aus dem Stand. Mit Lächeln natürlich.

Der Artikel hat mich zugegebenermassen bei allem Interesse vor allem mal wieder tüchtig verunsichert. Aber das bringt nichts. Letztlich wissen wir es ja genau, und zwar mit Kopf und Herz: Wir sind nicht die Kumpel unserer Kinder, und wir sind für sie verantwortlich, bis sie erwachsen sind.

Und das sind sie nicht etwa schon dann, wenn sie so aussehen und sprechen können, sondern wenn sie wirklich erwachsen sind.

Dennoch bleibt für mich bei aller Sorge und Aufsichtspflicht und allem Hirnumbaugerede wichtig, die Kids als denkende und fühlende Wesen ernst zu nehmen und zu akzeptieren, dass sie ihre Experimente machen müssen. Ich soll sie ja nicht fördern oder billigen. Aber hysterisch zu werden, nützt auch nichts. Ausser dass ich noch weniger weiss, was sie alles so treiben, weil sie besser aufpassen, dass ich es nicht erfahre.

Von wegen erwachsen wirken: Ich habe mit meinen Kids schon oft darüber gesprochen, was in der Pubertät im Kopf und in der Seele passiert. Sie lieben es darum, das zu nutzen, und sagen: Mama, sorry, hab ich dies oder das vergessen — aber du weisst ja, ich habe ein Teenie-Hirn.

Darum haben wir vor einem Weilchen die Teenie-Hirn-Hilfe eingeführt. Dreimal etwas verpennen oder eine Abmachung nicht einhalten heisst: Man kocht für alle Znacht. Das widerspricht zwar ein wenig der im Artikel plädierten Theorie, dass man mit Belohnungen und nicht mit Bestrafungen arbeiten solle. Finde ich grundsätzlich auch. Aber etwas tun zu müssen, was allen nützt, ist ja keine eigentliche Strafe, sondern hat damit zu tun, Verantwortung zu übernehmen.

Leider nützt die Sache fast zu gut, und ich koche immer noch fast täglich.

Übrigens: Der Artikel ist dennoch sehr lesenswert.