Religionskrieg in der Familie

(Flickr/Lore Sjoberg)

Nicht kompatibel: Bei Playmobil hört für Lego-Anhänger der Spass auf. (Flickr/Lore Sjoberg)

Meine Frau und ich sind nicht nur in verschiedenen Ländern, sondern auch mit verschiedenen Religionen aufgewachsen. Das eine ist kein Problem. Wir sind kulturell offen und zeigen beide Interesse für die Herkunftsnation des Partners. Doch beim Glauben hört der Spass auf.

Weder kann sie mit der Vielfalt meiner Religion etwas anfangen noch ich mit den Regeln und Einschränkungen der ihren. Ein Konflikt, der erst nach Brechti Geburt ausbrach, denn plötzlich müssen wir für das Kind eine weitreichende Entscheidung treffen: Soll es mit Lego oder mit Playmobil spielen?

Meine Ansicht:

Lego ist das intelligenteste, was man aus Acrylnitril-Butadien-Styrol-Copolymerisat formen kann. Es fördert die Entwicklung des Kindes auf vielfältige Weise, regt die Fantasie an und sorgt mit seinen unendlichen Möglichkeiten für nie endenden Spielspass. Dabei hat Lego eine ganz charakteristische, zeitlose Ästhetik. Playmobil hingegen, das sind konturlose Plastikwelten und dümmlich schauende Figuren mit lächerlich geformten Füssen.

Die Sicht meiner Frau:

«Da möchte man eigentlich spielen und muss erst alles mühsam zusammensetzen. Wozu? Wenn ich mir einen Bauernhof wünsche, dann will ich einen Bauernhof haben. Nicht ein pixeliges Etwas, das auch eine Tankstelle oder eine Tierversuchsklinik sein könnte. Lego ist höchstens dann interessant, wenn man etwas bauen will, das es von Playmobil noch nicht gibt.»

Weltreligion aus dänischem Kunststoff - eine Legokirche Foto: Andrew Albosta, Flickr.com

Weltreligion aus dänischem Kunststoff: Lego-Kirche. (Andrew Albosta/Flickr.com)

Die Fronten sind verhärtet und die Ängste gross: «Dem Brecht bleiben die wunderschönen Spielerfahrungen aus meiner Kindheit verwehrt.» Wer im Recht ist, lässt sich bei so einer Frage natürlich nicht klären. Und ich gebe zu, frei von Zweifeln bin ich auch nicht. Löse ich mit Lego beim Brecht etwa einen Gott-Komplex aus? Immerhin lautet der Lego-Slogan von 2001: «In meiner Welt bestimme ich!» So lernt das Kind doch nie Demut.

Für solche Gedanken ist es freilich etwas spät, denn ich befinde mich auf der Zielgeraden in Führung: Die Frau hat ihre Playmobil-Sammlung nur ein Jahr vor der Schwangerschaft für 100 Euro an einen Kindergarten verhökert. Und inzwischen ebnen in Brechts Spielzimmer Duplo als Einstiegsdroge einen reibungslosen Übergang zur Weltreligion Lego. Die riesige Lego-Kiste aus meiner Kindheit steht bereit.

Aus dieser Position der Macht stünde es mir natürlich gut an, meiner Frau die Hand zu reichen. Barmherzige Güte zu zeigen und mit einem milden Lächeln Kompromisse vorzuschlagen. Ich wäre die Mutter Teresa des Spielzimmers. Doch wie könnten die Kompromisse aussehen? Kein Lego und kein Playmobil, dafür Spielzeug aus unbehandeltem Buchenholz? Edler Gedanke, aber kaum realistischer, als das Kind 18 Jahre lang zuckerfrei zu ernähren.

Oder soll ich gar das beinahe Undenkbare anbieten? Dass der Brecht mit Lego UND Playmobil spielen soll? Bei aller Toleranz, ich kann mir nicht vorstellen, wie so etwas in der Praxis funktionieren soll. Hat das Kind im Kinderzimmer eine Lego-Ecke und eine Playmobil-Ecke und teilt sich die Spielzeit auf? Man kann die Figuren und die Gebäude ja nicht mischen. Das ginge definitiv zu weit. Was sollen die anderen Kinder denken?

Kommt Ihnen diese Diskussion lächerlich vor? Mir auch, aber erst nach einer ganzen Weile des Nachdenkens. So ist das wohl mit Religionskriegen.


Kino-Highlight für Lego-Anhänger: Trailer zu «The Lego Movie». (Youtube/Warner Bros. Pictures)