Jungfernhäutchen aus dem Webshop

«Virgin Tales» von Mirjam von Arx. (Screenshot)

Unbefleckt in die Ehe: «Virgin Tales» von Mirjam von Arx. (Screenshot)

Jungfernhäutchen kann man jetzt bequem im Netz bestellen* und sich damit quasi als Jungfrau verkleiden. Klingt ein bisschen fies: Die armen Männer kriegen so eine Mogelpackung fürs Leben und das vermeintlich Unversehrte ist gar nicht mehr unversehrt. Tja. Geschieht ihnen recht. Schliesslich ist die Vorstellung einer unversehrten Frau bestenfalls mittelalterlich und zudem auch noch eine Definitionsfrage.

Mittelalterlich ist sie deshalb, weil Männer, die eine Jungfrau wollen, offenbar immer noch in jeder Frau eine Eva sehen, die ihnen einen Kuckuck ins Nest legen könnte. Schliesslich hat Mann in der Biologie ja nie Gewissheit, wer der leibliche Vater ist. (Empfehlung der Redaktion: Grad den Vaterschaftstest zum Hymen mitbestellen, vielleicht gibt es ja einen Misstrauensrabatt.)

Und Definitionsfrage ist in diesem Fall nichts Geringeres als das Frauenbild als solches. Wer auf eine Jungfrau besteht, geht davon aus, dass eine Frau eine Ware ist, bei der das Frischesiegel noch dran sein muss, damit man weiss, dass kein anderer es vor einem benutzt hat. Wäre ja auch zu blöd, wenn ein junges Mädchen bemerkt, dass es mit einem anderen mehr Spass hatte als mit dem bis zum Tode Angetrauten. Monopolismus im Bett nennt man das. Jaja, schlau waren sie schon immer, die Männer, wenn es um solches ging. Aber das sind wir Frauen auch. Siehe Jungfernhaut im Netz. Dumm nur, dass die Vertrauensfragen bei dieser Tour etwas zu kurz kommen.

Zudem ist das eh so eine Sache mit der Unversehrtheit. Ist ein Mädchen wirklich noch unversehrt, wenn es sein Kinderleben lang mit misstrauischen Argusaugen lückenlos beaufsichtigt wurde, damit es sich nicht selbst anbraucht, bevor es ein anderer tut? Ist es noch unversehrt, wenn es weiss, dass es sein Innerstes, nämlich das Blut seines gerissenen Hymens, dereinst vor allen blosslegen muss, weil man ihm von vorneherein nicht vertraut? Nein. Und für alle, die jetzt nach politisch korrekter Luft japsen: Mit Konfession hat das Ganze nicht viel zu tun. Die Jungfernkiste ist bei allen beliebt, die lieber eine Frau ohne Ahnung haben, als eine mündige Partnerin. Zumal Letztere etwas gar unheimlich ist. Und solche Männer gab und gibt es überall.

Gut. Aber was ist mit den Buben? Darf man als Jungfrau in einer gleichberechtigten Welt nicht auch einen Mann mit einem Reinheitskleber der Hebamme auf der Eichel erwarten, wenn man ihn heiratet? Mitsamt Unversehrtheits- und Erfahrungslosigkeits-Zertifi(c)kat? Bei solchen unberührten Männern wüsste man ja wenigstens, dass sie Frauen nicht in Kategorien einteilen. Nämlich in solche, mit denen sie ins Bett hüpfen, ohne sie zu heiraten oder zu respektieren und in solche, die gefälligst rein zu bleiben haben.

Kurz und gut: Das Drama um die Jungfräulichkeit und Jungmännlichkeit ist menschenverachtender Mumpitz – ausser es ist wahrhaftig freiwillig und nicht von aussen aufgezwungen.

Drum wünsche ich mir zu Weihnachten, dass unsere Kinder nicht zu zwangskonservierten Jungfrauen oder Jungfrauen-Heiratern heranwachsen, sondern einfach zu Menschen. Und zwar zu solchen, die sich in einen anderen Menschen verlieben können und dürfen und ihn nehmen, wie er ist. Jungfräulich, erfahren, schüchtern oder wild. Denn letztlich hat alles, was jener geliebte Mensch erlebt hat, ihn erst zu der Person gemacht, in die wir uns verlieben. Ergo kann seine Vergangenheit nicht anstössig sein. Bedauernswert vielleicht, aber nicht verwerflich.

Und wer seinem Kind diese Freiheit nicht zugesteht und es zwingt, sie sich zu stehlen, muss sich nicht wundern, wenn es sich künftig Schummelware wie falsche Jungfernhäutchen bestellt und damit allen einen langen … Riechkolben dreht.

PS 1: Bei mehr als der Hälfte der Frauen ist das Hymen schon bei der Geburt so weit zurückgebildet, dass auch beim ersten Geschlechtsverkehr keine Blutung auftreten wird.

PS 2: Eine Ärztin kann nicht feststellen, ob eine Frau Jungfrau ist. Das kann auch sonst niemand.

* Der Text auf dieser Seite allein ist es schon wert, einen Klick zu riskieren, selbst wenn Sie noch Jungfrau sein sollten!