Wie viel Eigenständigkeit ist möglich?

Ein Gastbeitrag von Ingrid Eva Liedtke*

**APN ADVANCE FOR FEB. 10** Maria Soto paints in a studio at the Mexican School of Down Art in Mexico City, Friday, Oct. 19, 2007. The Mexican School of Down Art, where all the students have Down syndrome, is working to abolish preconceptions about what mentally disabled people are capable of, particularly in the developing world where resources for the handicapped are scarce and many struggle to be treated with dignity.

Geistige Behinderung ist nicht immer fassbar: Eine Betroffene in Mexiko. (Bild: Keystone)

Wieder einmal Montag. Wieder ein Montag, an dem ich früh aufstehen muss, ein Montag, an dem ich meine Tochter zum Bahnhof fahre. Wieder ein Montag, an dem ich mich von ihr verabschiede, und wieder ein Montag, da ich mir Sorgen mache, ob sie glücklich ist, ob sie zurechtkommt, ob sie je kapiert, warum sie gewisse Verantwortungen für sich selber übernehmen sollte und warum zu viele Träume sie vom Leben in der Realität abkapseln.

Wieder ein Montag der üblichen Muttersorgen? Nein, meine ich, nicht wirklich, da sie doch jetzt, ohne Trisomie 21, erwachsen wäre und selbstverantwortlich sein könnte. Ich könnte sie dem Leben überlassen, sie ihre eigenen Erfahrungen machen lassen, Vertrauen in ihre Intelligenz und ihre Instinkte haben. Schliesslich habe ich sie ja erzogen und ihr Werte vermittelt. Ich hätte keine Sorgen, weil sie jung und fit wäre für das Leben.

Oder doch? Sorgen wir Mütter uns sowieso immer?
Mache ich mir als Mutter einer speziellen Tochter mehr Sorgen um sie und ihre Zukunft? Oder sind diese nur anders gelagert? Wie es so meine Art ist, kann ich lange bei diesen Betrachtungen verweilen, mich durchforschen, in der Hoffnung, eine schlüssige Antwort zu finden. Tatsächlich find ich nicht immer eine, und manchmal überlasse ich es dem Lauf der Dinge und der Zeit.

Seit dieses Kind auf der Welt ist, habe ich immer wieder erfahren müssen, dass geistige Behinderung/Beeinträchtigung – es wird ja immer noch um das passende Vokabular gerungen – nicht immer fassbar ist. Manchmal haut es mich von den Socken, wozu sie fähig ist, reist mit dem Zug in der Gegend herum, sucht sich im Internet selber die passenden Fahrpläne raus, steigt am liebsten am Hauptbahnhof um, weil da am meisten Betrieb ist, und findet sich wunderbar zurecht. Dann wieder verirrt sie sich plötzlich in einem Quartier, das sie eigentlich kennt…  und hundertmal schon haben wir ihr die Vorzüge der Körperhygiene und von sauberer Kleidung dargelegt und sie will es nicht wissen. Schmuddelig sein erzeugt Nasenrümpfen und zu viele Süssgetränke und Hamburger machen dick. Menschen gehen auf Abstand und wenn sie sich komisch anzieht, sieht sie dann wirklich seltsam aus und wird angegafft. Ich wills verhindern, war schon immer der Meinung, dass sie besser akzeptiert und integriert ist, wenn sie hübsch aussieht.

Echt jetzt? Wo ist meine Akzeptanz? Bin ich tatsächlich dem alten Klischee aufgehockt, dass solche Menschen immer so komisch gekleidet sind, weil ihre Eltern oder Betreuungspersonen meinen, sie müssten sich mit «Möngis» keine grosse Mühe geben? «Darum haben die doch auch immer so komische Haarschnitte.»

Aber jetzt mal halblang. Jetzt tue ich mich gerade besonders schwer! Wie so manche Mutter hatte ich einfach Freude meine Kinder nett anzuziehen. Irgendwann klappt es dann nicht mehr, denn die Kinder entwickeln ihren eigenen Geschmack, auch die mit Downsyndrom.

Manche Mädchen malen sich jetzt die Lippen schwarz an und tätowieren sich Augenbrauenbalken. Wohl auch nicht ganz nach dem Geschmack ihrer Eltern. Meine Jungs waren Hip-Hopper und ihre Schwester hats ihnen nachgemacht – logisch. Sie hält leider bis heute daran fest. In meinen Augen nicht zu ihrem optischen Vorteil. So probier ich es ab und zu mit dem Missionieren für schöne weibliche Kleidung, versuche es mit Hip-Hop-Kleidung für junge Frauen, ja, halt so eher körperbetont mit coolen Schlabberoberteilen und ohne diese Hosen, die immer übers Gesäss rutschen. Das kann ja auch gefährlich sein, eine Aufforderung für einen «Grüsel». Doch sie blockt und bockt, packt ihren Widerstand aus. «Hör uf Mami, bitteee!» Sie ist kein Kind mehr und will sich abgrenzen. Sie hat ja recht!

Dann wieder beobachte ich mich, uns – so von aussen – wie wir auf sie einquatschen, um ihr darzulegen, was sie müsste und sollte und ich erinnere mich, wie sehr ich das als junger Mensch gehasst habe. Ich wollte meine eigenen Erfahrungen machen. Dann erfüllt es mich mit Trauer, dass sie das nur sehr eingeschränkt kann und darf.

Gestern Abend, beim Nachtessen, verkündete sie, sie wolle jetzt auch Autofahren lernen wie ihre Brüder. «Nein, das kannst du halt nicht.» Die Aufmunterung, die unsere Betroffenheit generierte, folgte sofort: «Dafür kannst du Dinge, die andere nicht können.» Wie leer und abgedroschen mir diese Erklärung in den Ohren klingt! Sie sagte nichts mehr und uns fiel auch nichts Besseres mehr ein.

Wir arbeiten an ihr und an uns, um ihr ein schönes, erfülltes und wenigstens teilweise selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, natürlich so wie wir denken, dass es geht. Können wir anders? Wohl kaum.

Viele Fragen bleiben offen und es wird darauf wohl nie schlüssige Antworten geben. Die Herausforderungen sind ein weites Feld.

MB_porträt_150*Ingrid Eva Liedtke ist Autorin, psychologische Beraterin und Coach. Sie schreibt den Blog Herzenblühen.