Scheidungskinder sollen an zwei Orten wohnen

Chris Parfitt

Der Europarat empfiehlt nach einer Trennung nicht ein Zuhause für das Kind, sondern zwei. Foto: Chris Parfitt, Flickr.com

Trennt sich ein Elternpaar in der Schweiz, ist nachher meist einer der beiden hauptverantwortlich für die Kinder. Alleinerziehend. Der andere, meist der Vater, wird zum Besuchspapa, der den Nachwuchs nur noch am Wochenende sieht. Womöglich sogar nur jedes zweite Wochenende.

Der Europarat will das nun ändern, weil eine «Eltern-Kind-Trennung unheilbare Auswirkungen auf ihre Beziehung» habe. Er hat deshalb eine Resolution «zur Gleichheit und gemeinsamen elterlichen Verantwortung» verabschiedet, deren Kernpunkt die Verankerung der paritätischen Doppelresidenz in den nationalen Gesetzen ist.

Klingt kompliziert, bedeutet aber nichts anderes, als dass sich Vater und Mutter auch nach der Trennung die elterlichen Pflichten teilen. Und zwar indem die Kinder bei beiden ein Zuhause haben und auch bei beiden ungefähr gleich viel Zeit verbringen.

Väterorganisationen fordern schon länger, dass man vom heute gängigen Residenzmodell wegkommt, bei dem meist die Mutter mit den Kindern zusammenwohnt und der Vater aussen vor bleibt. Der International Council for Shared Parenting (ICSP) wird im Dezember sogar eine ganze Konferenz zum Thema veranstalten. Oliver Hunziker, Präsident des Vereins für elterliche Verantwortung (VEV) Schweiz und Vizepräsident des ICSP, zeigt sich deshalb positiv überrascht, dass der Rat einstimmig für die Resolution gestimmt hat.

Rechtsverbindlich ist der Beschluss des Europarats freilich nicht, er kann vielmehr als Empfehlung gesehen werden. «Er beflügelt unsere Arbeit dennoch enorm», sagt Hunziker.

Die ersten gesetzlichen Hürden auf dem Weg zur Förderung der Doppelresidenz hat die Schweiz eigentlich bereits genommen. «Der Gesetzgeber hat in den letzten drei Jahren das Sorgerecht und das Unterhaltsrecht bereits revidiert und wesentlich ausgewogener als früher formuliert», erklärt Markus Theunert, Präsident von Männer.ch. Die Doppelresidenz werde ausdrücklich als prüfenswerte Option genannt. «Insofern erfüllt die Schweiz bereits einige Forderungen der Resolution. Jetzt müssen die Gerichte und Behörden den politischen Willen einfach umsetzen.» Hunziker ergänzt, dass das neue Unterhaltsrecht, das 2016 in Kraft treten wird, neu die Möglichkeit biete, einen expliziten Antrag auf Prüfung der Möglichkeit einer alternierenden Obhut zu stellen. «Wir erhoffen uns von diesem Antrag eine Veränderung in der Rechtsprechung und der Wahrnehmung.»

Die Forschung zeige, sagen beide einstimmig, dass das Doppelresidenzmodell das Beste für das Kind sei. «Zudem ermöglicht es beiden Eltern sowohl intensiven Kontakt zum Kind als auch die Gelegenheit, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen und somit finanziell unabhängig zu werden», sagt Hunziker.

Studien hin oder her, wie funktioniert das Modell in der Realität? Ein Freund von mir, Vater von drei Kindern, lebt es seit einigen Jahren und ist mehr als glücklich damit. «Man hat beides: die Kinder, aber auch seine Freiheit», sagt er. Eine Umfrage der Partnervermittlung «Single mit Kind» (der Mamablog berichtete) bestätigt das: Von den Eltern, die ihre Kinder zu gleichen Teilen bei sich leben haben, sagten 90 Prozent, sie hielten ihr Modell für «okay» oder «das beste überhaupt». Bei den anderen Wohn- und Betreuungsmodellen waren diese Werte deutlich tiefer.

Mein Freund gibt aber auch zu, dass das Ganze mit Kompromissen verbunden sei und nur unter gewissen Umständen funktioniere. «Nur schon logistisch ist es eine Herausforderung, weil man zwei bezahlbare Wohnungen nahe beieinander finden muss – in Zürich keine Selbstverständlichkeit.» Ausserdem funktioniere dieses Lebensmodell nur, wenn man sich im Guten getrennt habe, weil man eben weiterhin eng zusammenarbeite. «Beide Elternteile müssen ganz klar die Kinder im Fokus haben und die eigenen Ansprüche manchmal etwas zurückschrauben», sagt er. Will heissen: ab und zu dem Frieden zuliebe einfach zustimmend nicken, anstatt eine grosse Diskussion loszureissen.

Dass alle Väter über die Resolution des Europarats jubeln, bezweifelt er stark. «80 Prozent der Männer ist es doch nur recht, dass sie sich weniger um die Kinder kümmern müssen als die Mütter.» Anfangs würden zwar alle Väter gross herumposaunen, sie wollten der Kinder zuliebe Teilzeit arbeiten. «Sobald sie aber merken, was für einen Aufwand das bedeutet, vergessen sie den guten Vorsatz sehr schnell wieder.»

Theunert sieht das anders: «Natürlich wird es einzelne Väter geben, die sich von Frau und Kindern trennen wollen. Im Normalfall sagen sie aber nur Ja zur Trennung von der Frau und merken dann, wie das System dazu neigt, fortan auch die Distanz zu den Kindern zu fördern oder gar zu erzwingen.»