Soll mein Kind zurückschlagen?

Ein Papablog von Nils Pickert*

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Darf mein Kind sich wehren, wenn es angegriffen wird? Foto: Akarkayu, Flickr.com

Es gibt nicht viele Punkte, in denen ich mich in Erziehungsfragen von der Mutter meiner Kinder und Frau meines Lebens unterscheide. Wir kennen uns seit mittlerweile zwei Jahrzehnten und haben seit einem Jahrzehnt Nachwuchs. Ausreichend Zeit also, um sich so ziemlich über jedes strittige Thema zu verständigen und gegebenenfalls zu einigen. Aber über diese eine Sache werden und werden wir uns einfach nicht einig: Dürfen Kinder zurückschlagen, und wenn ja, ab wann? Meine Frau ist der Meinung, dass Gewalt keine Option sein sollte. Niemals. Sie ist fest davon überzeugt, dass sich jeder Konflikt auch auf andere Weise lösen liesse und Gewalt ihn immer nur noch mehr eskalieren lasse.

Ich hingegen bin der Auffassung, dass das Einsetzen von körperlicher Gewalt schon eine Stufe der Eskalation darstellt, in der es in einigen Fällen nicht nur möglich sein sollte, sondern angebracht ist zurückzuschlagen. Wenn Kinder einfach nicht mit ihrem übergriffigen Verhalten aufhören. Wenn alles Reden, Klarstellen und Ermahnen nichts hilft und dem geschlagenen Kind nicht eine einzige Möglichkeit geboten wird, sich aus der Rolle des Opfers zu befreien.

Wahrscheinlich sehen wir das unterschiedlich, weil wir unterschiedlich aufgewachsen sind. Meine Frau ist nie in die Verlegenheit gekommen, auch nur darüber nachzudenken, sich körperlich zur Wehr setzen zu müssen. Eine Kindheit und Jugend in einer friedensbewegten Familie mit hohen Idealen und dem Willen, sie auch zu realisieren. Gewalt ist ihr zutiefst zuwider.

Ich wurde einige Male mit Situationen konfrontiert, in denen ich für mich keine andere Möglichkeit gesehen habe, als mich aus ihnen herauszuprügeln. Als man einfach nicht aufgehört hat, immer wieder Kämpfe mit mir zu suchen. Als es keinen anderen Fluchtweg gab als den durch die Person hindurch, die mir grinsend den Ausgang versperrte und vorhatte, mich auszurauben und zu schlagen. Ich bin nie zufrieden, wenn ich Gewalt anwende. Aber ich war mehr als einmal froh darüber, dass ich davor nicht zurückschrecke. Was bleibt, sind Fragen und Zweifel.

Was setzt man einem unbedingten Willen zur Gewaltanwendung entgegen? Für meine Frau ist die Antwort klar: den unbedingten Willen zur Gewaltlosigkeit. Für mich ist das deutlich schwieriger. Denn obwohl ich von meiner Position, dass man manchmal eben zurückschlagen muss, überzeugt bin, ringe ich um ein schlüssiges Konzept. Wenn man diese Büchse der Pandora einmal geöffnet hat, ist man für alle Folgen verantwortlich und muss auf alle Fragen eine Antwort haben:

  • Wann sind Kinder alt genug, um einschätzen zu können, was adäquate Gegenwehr bedeutet?
  • Darf ein Kind jemanden schlagen, der es verhöhnt? Bestiehlt? Bespuckt?
  • Wie läuft das im Detail ab: Auge um Auge, Zahn um Zahn? So oft zuschlagen, wie man selbst geschlagen wurde? So heftig? Wie misst man eigentlich Heftigkeit? Und sollte jemand, der einen über Wochen gepeinigt hat, das Gleiche erfahren oder lieber eine Stunde lang exzessiv vermöbelt werden? Reicht vielleicht auch nur ein Verwarnungsrempler?
  • Schlägt man auch Leute, die andere aufgefordert haben, einen zu schlagen?

Ich bin nicht einmal ansatzweise in der Lage, diese Fragen erschöpfend zu beantworten. Stattdessen ertappe ich mich bei Ausweichstrategien: je nachdem, wird man sehen, schauen wir mal, so weit kommt es ja vielleicht gar nicht. Das Ganze ist mir ziemlich unangenehm. Noch unangenehmer ist mir allerdings die Vorstellung, dass meine Kinder sich Gewalt in bestimmten Situationen als letzte Option versagen. Für mich ist der unbedingte Wille zur Gewaltlosigkeit in den meisten Fällen ein nobles Ziel, dem ich grundsätzlich gerne nacheifern möchte.

In einigen jedoch ist es die Zwangsverpflichtung, sich zum unbedingten Opfer zu machen. Das Bekenntnis zum Gewaltverzicht kommt in diesen Fällen einer Einladung zu mehr Gewalt gleich. «Du kannst mich ruhig weiter schlagen, ich werde mich sowieso nicht wehren.» Genau das ist es, was ich meinen Kindern ersparen will. Ich habe keine Antworten auf die Detailfragen. Ich will einfach nur, dass ihr Gegenüber sich das mit der Gewaltanwendung gut überlegt, weil es das Echo vertragen müsste.

Aber so einfach ist es wohl nicht.

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*Nils Pickert lebt mit seiner Familie in Süddeutschland. Er hat eine monatliche Kolumne auf Standard.at, in der er sich mit den männlichen Seiten der weiblichen Emanzipation beschäftigt.