Wir wollen keine erschöpften Mütter

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Erledigt und ausgebrannt: Für viele Mütter bleibt die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familienleben ein Traum. (Bild: Cameron Diaz im Film «Beim Leben meiner Schwester», Warner Bros.)

Eigentlich weiss ich es. Beziehungsweise erlebe es sogar selber: Wie auslaugend es sein kann, den Beruf und das Familienleben mit zwei Kleinkindern unter einen Hut zu bringen. Und trotzdem bin ich etwas erschrocken, als ich mir die Grafiken zum «Beobachter»-Artikel «Das Märchen von der Vereinbarkeit» angeschaut habe. Weil sie mir die Realität so plastisch vor Augen führten. Und gleichzeitig aufzeigten, dass es auch anders ginge.

Es beginnt schon beim Start ins Mutterleben, mit dem Mutterschaftsurlaub. Die Schweiz liegt mit ihren 14 Wochen auf dem letzten Platz der Tabelle. Schweden führt diese mit 60 Wochen an, Deutschland folgt mit 58 Wochen. OECD-Durchschnitt sind 53,6 Wochen. Das gleiche Bild bei den Vätern. Die dürfen im OECD-Schnitt neun freie Tage zur Geburt des Nachwuchses beziehen, damit sie sich in ihrer neuen Rolle einleben und die Mutter unterstützen können. In Frankreich sind es gar 28 Tage. In der Schweiz von Gesetzes wegen null – wobei die meisten Arbeitgeber ihren Mitarbeitern freiwillig wenigstens einen Tag zugestehen.

Wollen Schweizer Eltern nach ihrem kurzen bis inexistenten Elternschaftsurlaub weiter arbeiten, sind sie auf eine Kita oder eine andere Art der Kinderbetreuung angewiesen. Und das geht ins Geld. Laut «Beobachter» frisst die Fremdbetreuung 24 Prozent des durchschnittlichen Doppelverdienereinkommens. Zum Vergleich: In Schweden sind es gerade mal 4 Prozent, im OECD-Durchschnitt 13 Prozent. Einzig die Niederlande kommen mit 20 Prozent des Einkommens annähernd an unsere Werte heran.

Ein Fünftel des gemeinsam verdienten Geldes geht also für die Kinderbetreuung drauf. Und dies notabene bei nur einem Kind. Kein Wunder, entscheiden sich viele Mütter irgendwann, gar nicht mehr zu arbeiten. Weil es sich finanziell schlicht nicht lohnt.

Kommt hinzu, dass die «Doppelbelastung Familie und Beruf» nicht umsonst so genannt wird. Gerade die Mütter fühlen sich mindestens doppelt belastet, oft überlastet: In einer aktuellen Erhebung der Stadt Zürich sagten 40 Prozent der befragten Eltern mit Kindern unter 13 Jahren, dass sie ständig müde seien, wobei die Mütter laut der Befragung «müder als die Väter» seien. Und auch im «Beobachter»-Artikel erzählen die Mütter von Dauerstress, Erschöpfung, Fast-Zusammenbrüchen. Oder vom Wunsch, noch ein Kind zu bekommen, aber der fehlenden Kraft dafür.

Die Leute täten stets so, als sei alles kein Problem, beklagt sich Autorin Sibylle Stillhart: «Man gibt einfach nicht zu, wie anstrengend das alles ist. Man will modern sein, und welche Frau sagt schon offen, dass ihr Mann vor dem Fernseher sitzt, während sie nach der Arbeit die Küche aufräumt?» Tatsächlich sind es in Schweizer Paar-Haushalten mit Kindern immer noch mehrheitlich die Mütter (je nach Studie mal zu 62, mal zu 75 Prozent), die die Hauptverantwortung für den Haushalt tragen. Oder zu den kranken Kindern schauen. Erwerbsarbeit hin oder her.

Womöglich sagen Sie jetzt, Sie hätten das alles schon zigmal gehört. Doch solange sich nichts ändert, muss das Thema immer wieder angesprochen werden. Bis irgendwann endlich ein Umdenken stattfindet in unserer Gesellschaft, die Familien stärker unterstützt werden und von den Frauen nicht immer nur gefordert wird. Diese sollen nämlich heute bitte schön Nachwuchs bekommen, damit die Gesellschaft nicht überaltert. Sie haben Vollzeit zu den Kindern zu schauen, weil diese sonst leiden (der Meinung sind tatsächlich knapp 60 Prozent unserer Bevölkerung). Gleichzeitig sollen sie aber auch der Wirtschaft zur Verfügung stehen – Stichwort Fachkräftemangel.

Dass das nicht zusammengeht, müsste jedem einleuchten. Dies anzuerkennen und die Ansprüche an die Mütter etwas hinunterzuschrauben, wäre ein erster kleiner Schritt in die richtige Richtung.