Beschneidung von Buben – ja oder nein?

Ein Gastbeitrag von Regula Portillo*

epa03656140 Filipino boys gather in a waiting area to undergo circumcision, in Marikina City, east of Manila, Philippines, 10 April 2013. Close to 200 boys aged between 10 and 12 years old underwent circumcision conducted for free by city health workers, a common practice in urban poor districts where free medical assistance and services are provided during the summer season. Male circumcision is considered by some as a rite of passage into manhood. EPA/ROLEX DELA PENA

Philippinische Jungs warten in Manila auf ihre Beschneidung. Der Eingriff markiert den Übertritt vom Jungen zum Mann. Foto: Keystone

Um es gleich vorweg zu nehmen: Nein, unsere Söhne sind nicht beschnitten. Die Diskussion, ob und warum gab es allerdings tatsächlich. Mehrmals.

In Mexiko, wo mein Mann herkommt, wird bei den meisten Jungen bereits am Tag nach der Geburt eine Zirkumzision durchgeführt, das heisst, die Vorhaut wird vorsorglich entfernt. Das Hauptargument der Befürworter dieser Praxis – die übrigens auch in den USA geläufig ist – besteht darin, dass das feuchtwarme Klima unter der männlichen Vorhaut die Vermehrung von Krankheitserregern nicht nur ermöglicht, sondern geradezu begünstigt.

Hierzulande gilt das Hygieneargument als überholt; Jungen werden höchstens aus religiösen oder medizinisch relevanten Gründen beschnitten, keineswegs aber routinemässig oder zur Vorbeugung von Krankheiten. Hier und dort – zwei grundlegend verschiedene Haltungen.

Unsere Söhne sind in Bern geboren, wo sich mein Mann während eines privaten Geburtsvorbereitungskurses bei der zuständigen Hebamme erkundigte, ob im Spital, wo wir angemeldet waren, Beschneidungen vorgenommen würden. Er hat die Frage offen und allgemein formuliert – es war eine Interessensfrage, denn damit, dass wir die Buben nicht beschneiden lassen würden, hatte ich mich damals schon durchgesetzt.

«Womöglich mit einem rostigen Büchsendeckel», fuhr ihn die Hebamme zornig an; eine Antwort, die uns beide etwas ratlos zurückgelassen hatte. Ratlos, weil es in Anbetracht dessen, dass weltweit rund 25 Prozent der männlichen Bevölkerung beschnitten sind, eine legitime Frage war. Und weil zwischen schmerzhaften Genitalverstümmelungen an Kindern und einem durch einen Arzt in Narkose vorgenommenen operativen Eingriff unser beider Ansicht nach ein grosser Unterschied bestand.

Immerzu musste sich mein Mann für seine Fragen und Bedenken rechtfertigen – natürlich nicht nur der Hebamme, sondern in erster Linie auch mir und unseren Freunden gegenüber. Er tat mir manchmal schon fast ein bisschen leid.

Nun – allerdings nicht sehr lange, denn sechs Monate nach der Geburt unserer Zwillingsbuben zogen wir nach Mexiko. Kein einziger Kontrollbesuch bei verschiedenen Kinderärzten verstrich ohne die besorgte Frage, warum unsere Söhne nicht beschnitten seien. Tanten, Onkel, Grosseltern, befreundete Eltern anderer Buben unisono: Aber warum nur?

Auf einmal war ich es, die sich rechtfertigen musste. Und wie. Es fiel mir nicht immer leicht, stichhaltige Argumente zu finden, denn zugegebenermassen konnte ich meine Meinung auch nicht vollumfänglich und fachkundig begründen. Die mir wichtigste Begründung, meine Kinder keiner Operation und damit verbundenen Schmerzen auszusetzen, die mir medizinisch nicht notwendig erscheint, stiess auf wenig Verständnis. Der Eingriff sei kurz und die möglichen Krankheiten, die später auftauchen könnten, seien viel schmerzhafter und relevanter. Über das Argument der Ästhetik, das mehrfach in die Diskussion eingebracht wurde, wollte ich mit meinen mexikanischen Verwandten nicht streiten.

Bis heute bin ich der Ansicht, dass Buben nicht vorsorglich beschnitten werden müssen, etliche wissenschaftliche Studien und eine hierzulande neu entfachte Debatte zur rechtlichen und ethischen Lage zielen in die gleiche Richtung – doch ich weiss: Wäre ich in Mexiko aufgewachsen, sähe ich das vermutlich anders.

Regula_Portillo*Regula Portillo studierte Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Freiburg. Vor, während und nach dem Studium verbrachte sie mehrere Jahre in Norwegen, Nicaragua und Mexiko. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Frankfurt am Main und arbeitet als freie Texterin und Autorin.