Schluss mit Jammern

Besser sogar als Bier: Ein schlafendes Kind.

Schlägt alles: Ein schlafendes Kind.

Kinder haben heisst: spazieren gehen. Ziellos und an den unmöglichsten Orten. Also stiess ich neulich meinen Buggy die Zürcher Bahnhofstrasse hinunter. Es war Feierabend und in den Bars hingen Banker an Mojitos. Leiser Frust überkam mich. Die kosten bestimmt 20 Franken! Unbezahlbar für einen Familienvater! Überhaupt: Wann hatte ich zum letzten Mal ein Feierabendbier?

Während ich diesen düsteren Gedanken nachhing, tauchten auf einmal ein paar Bekannte auf. Ob ich heute Abend auch Fussball schauen komme? Nonchalant lehnte ich ab – doch sie gaben sich hartnäckig: Warum ich nie mehr im Stadion sei? Ich dachte: Ja, warum eigentlich? Dann murmelte ich etwas von «viel los im Büro» und machte mich davon.

Wenige Meter weiter erwartete mich ein neuer Tiefschlag. In der Badi am Fluss sass eine Gruppe wunderbarer Geschöpfe, wie sie nur Zürich hervorzubringen vermag. Umhängetasche, Turnschuhe, freier Bauch – früher wäre das genau meine Kragenweite gewesen. Früher! Trotzdem lächelte ich hinüber. Just in diesem Moment standen die Frauen auf und zogen hüfteschwingend davon. Deprimiert reichte ich meinem Kind den Schoppen. Jetzt gab es nur noch einen Ort für mich: Das Gemeinschaftszentrum.

Kaum dort, verliebte sich mein Sohn auf der Rutschbahn in ein gleichaltriges Mädchen. Also musste ich meinerseits mit ihren Eltern smalltalken. Während ich mir anhörte, was für tolle Fortschritte die Kleine neulich alles hingelegt hatte, musterte ich meine Gesprächspartner. Beide waren in meinem Alter. Allerdings hat er sich besser gehalten als ich – mit dem Nachwuchs kam bei mir auch die Wampe. Plötzlich Geschrei. Mein Sohn hatte das Mädchen von der Rutschbahn gestossen. Mir blieb heute nichts erspart!

Ich beschloss, nach Hause zu gehen. Es war zwar erst sieben, doch mit ein bisschen Glück würde der Kleine heute schon früh schlafen. Dann könnte ich die Tagesschau wieder einmal um halb acht gucken. Wie alle anderen. Und danach noch ein paar Mails verschicken. Also putzte ich meinem Sohn im Eiltempo die Zähne, steckte ihn ins Bett und trällerte ein Gutenachtlied, worauf er auch prompmt wegschlummerte. Schon wollte ich mich triumphierend aufrichten, als mein Blick auf das schlafende Kind fiel. Die Augen waren zart geschlossen und der Mund von einem unbekannten Vergnügen umsäuselt. Es träumte und war gleichzeitig ganz nahe bei mir. Dann lächelte es und erglühte dabei so wunderbar, dass ich mich für mein Gejammer schämte.

zweifelPhilippe Zweifel, 36, ist Kulturredaktor bei Newsnetz und Vater eines Sohnes. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.