Frauen bleiben Mimosen

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Gangsterboss und Süssmund, auch ohne eigene Drinks: Cillian Murphy und Annabelle Wallis in der Serie «Peaky Blinders». Foto: BBC

Alle, die noch immer gern glauben, dass unser Geschlechtsverhalten zu weitesten Teilen anerzogen ist, werden sich jetzt entweder im Grab oder auf dem Badetuch umdrehen. Aber Männer und Frauen werden einfach nicht gleicher. Wir bleiben anders, und die meisten von uns folgen dabei inneren Mustern in Fühlen und vor allem Verhalten, die meiner Meinung nach zu weiten Teilen in uns angelegt sind. Nicht immer gefällt uns das, doch manchmal zelebrieren wir es auch.

Ein Beispiel: Die Mädchenabteilung im H&M, Alptraum oder Traum in Rosa, ist für viele von uns absolut unwiderstehlich, sie füttert das Bild süsser kleiner Mädchen mit Locken und roten Backen, die ihre Teddys herzen. Das funktioniert so verlässlich, dass wir fast seufzen, wenn wir nichts mehr dort verloren haben, weil unsere Töchter sich jetzt die kurz abgeschnittenen Jeans, Sneakers und T-Shirts selbst kaufen.

Wenn aber eine Bar wie die Brasserie Schiller ihre Drinks-Karte nach Geschlechtern geteilt vorlegt, irritiert das dann doch ein wenig.

Hier ein paar Beispiele:

A Lady Drinks:
Lili Marlen
Babette
Süssmund
Mimosa

A Man Drinks:
Hurricane, New Orleans Style (abgesehen von der Männlein-Weiblein-Frage schlicht geschmacklos)

Zombie
Tiefseetaucher

Sehr interessant. Offenbar sollen Frauen also bei aller Gleichberechtigung, Emsigkeit, Mütterlichkeit, Vielseitigkeit und Bildung, die sie bieten müssen, weiterhin auch noch Diven sein, mit der süssen Überempfindlichkeit einer Mimose, während die Jungs wie ein Sturm über das Land hinweg barbaren, Angst und Schrecken verbreiten, den Tod überwinden oder gefährliche Welten erkunden.

Das kann man ja nicht ganz ernst nehmen. Soll man hoffentlich auch nicht. Aber es passt in die Muster, die mich im Alltag immer wieder faszinieren, stören, amüsieren oder ärgern. Denn dass es diese Muster gibt im Zusammenspiel von Männern und Frauen, die wir kaum brechen können, ist ganz offensichtlich. «Ha, alles eine Frage von Wille und Erziehung», schreit es da und dort. Ja, teilweise. Aber eben nicht nur, dafür leg ich gern meine Hand ins Feuer, wenn das jemandem etwas brächte. Was ich bezweifle.

Darum habe ich beschlossen, mich darein zu schicken. Jawohl, ich resigniere. Nicht auf der ganzen Linie, wohlgemerkt. Wo es um Ungerechtigkeit und Unterdrückung geht, gibt es kein Pardon, muss man und frau pingelig sein und kämpferisch. Aber es gibt auch Myriaden simpler Dinge und Abläufe, die man und frau auch mal stehen lassen darf.

Damit meine ich Beziehungskonstellationen, über die ich mich seit fast zwanzig Jahren ärgere, auch bei mir selbst, und die ich nicht in den Griff kriege. Darum bin ich an einem Punkt angelangt, jetzt grad so schön vor den Ferien, an dem ich keine Energie mehr daran verschwenden will. Vielleicht gelingt ja dieser Versuch. Es ist nämlich nicht der erste, aber der bislang bewussteste, vorsätzlichste.

Ich bin willens, Lili Marlen, Mimose und Süssmund zu sein. Aber eben auch die keifende Ehefrau, die sich darüber aufregt, dass keiner freiwillig das Klo putzt, dass Haare im Abfluss sind, dass ich alles hundertmal sagen muss, dass keiner den Staub sieht, der unsere Wohnung wie ein graues Pelzli überzieht, dass ich wissen soll, wo jeder Gegenstand sich im Augenblick befindet. Ich bin bereit, jene zu sein, welche Unbequemes beim Namen nennt und ausdiskutiert haben will und damit nervt. Und ich bin beleidigt, wenn man mir auf die mimosenhaften Zehen tritt, wenn ich nichts anders tue, als den Laden zusammenzuhalten, wenn nötig mit walkürehafter Entschiedenheit.

Ich bin ebenfalls willens, meinen Mann Hurricane-Zombie-Tiefseetaucher sein zu lassen, der sich in die eigenen Untiefen verkrümelt, wenn ihn alles nervt, der im Chaos aufblüht, jegliches Versprechen in Haushaltsfragen in sein Zombiegrab legt und verrotten lässt und mir meist nur Komplimente macht, wenn ich ihn darauf hinweise, dass es langsam gut käm’ mit uns beiden, wenn wieder mal eines davon in meine Richtung flöge. Der es dann erstaunlich beherzt aus seiner Tiefe hervorholen und mir überreichen kann, mit einem genuschelten «Sorry» für seinen Seltenheitswert. Und dann doch kaum je einen Babysitter für einen Abend zu zweit organisiert, aber sich kindlich freut, wenn ich es tue.

Ich gelobe: Mit all dem will ich mich noch vor den Ferien aussöhnen. Also jetzt. Damit ich eine schöne Pause habe. Damit wir eine schöne Pause haben. Und Zeit für Wohltuenderes. Wie Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll. Vorläufig noch in der familienkonformen Ü-40-Variante, natürlich. Aber darüber können Zombie und Süssmund ja dann zu gegebener Zeit nochmals neu verhandeln.